Ja Frankreich hätte man die junge Reisende für fünfundzwanzig Jahre haltenkönnen; wer aber weiß, wie schnell man in diesem südlichen Klima altert, der hätte ge-funden, daß sie noch nicht so alt sein konnte. Ihre feinen regelmäßigen Züge und ihreunmuthige Gestalt verriethen, daß sie sehr schön gewesen sein mußte, aber Krankheit oderKummer hatten ihr den Reiz der ersten Jugend genommen.
Obwohk die Bewegungen der jungen Frau von der den Crevlinen eigenen Nach-lässigkeit zeugten, bemerkte man doch bald, daß sie in besonderen Fällen großer Energiefähig wäre. Wenn sie ihr wunderbar schönes Auge, das meist halb geschloffen war,einmal aufschlug, verrieth dieser Blick heftige Leidenschaftlichkeit.
Der Capitän hatte in diesem Augenblick nicht Zeit, sich viel mit den neuen An-kömmlingen zu beschäftigen, erst nach einer Stunde, nachdem alle Anordnungen getroffenwaren, näherte er sich der jungen Frau, die auf dem Verdeck spazieren ging, währenddie Mulattin das Kind einschläferte. Sie ging sogleich mit einem liebenswürdigenLächeln ihm entgegen, so daß der Capitän, statt der Vorwürfe, die er ihr nmche«wollte, nur sagte: „Sie haben es also durchaus gewollt, gnädige Frau!*
„Ja, Herr Capitän, zweifelten Sie an meinem Entschluß?*
„Oh,* brummte dieser zwischen den Zähnen, den alten Volksspruch verkehrend:„Frauenwille — Teufclswille."
„Was sagen Sie?" — fragte die junge Crcolin.
„Daß Sie sich an das erinnern sollen, was ich Ihnen gesagt habe; Sie kennendie Gefahren, ich will keine Schuld haben.*
„Sie scheinen keine große Zuversicht auf die heilige Patronin ihres Schiffes zuhaben," sagte die junge Dame lächelnd, „da hab' ich schon mehr Vertrauen. Uebrigcus,"fügte sie mit einem Blick auf die Stückpforten bei, „scheint mir, daß es den HerrenEngländern nicht so leicht werden soll, uns zu fangen, wenigstens würden wir unsereFreiheit theuer verkaufen."
„Wie tapfer Sir sind!* spottete der Capitän.
„Die Wahrheit zu sagen, liegt mir nichts daran, Ihnen Beweise davon zu gebe«,aber das verspreche ich Ihnen, daß Sie im Fall eines Unglücks nicht von Klagen undJammergeschrei belästigt sein sollen. Glauben Sie mir, Herr Borschel, ich habe dieReise nicht leichtsinnig unternommen; ich habe lange überlegt, nicht meinetwegen, sondernmeines Kindes wegen; nachdem ich gefunden, daß sein Interesse mehr noch als das meinedieselbe gebietet, war mein Entschluß gefaßt. Ich glaube, Ihnen diese Gründe mit-theilen zu sollen, damit Sie mich nicht für unbesonnen halten."
„Wenn diese Gründe Ihnen genügen, so muffen sie es mir wohl auch, obwohl ichbezweifle, daß Sie eine solche Reise rechtfertigen?"
„Oh, die Männer," sagte die junge Dame mit Bitterkeit, „die kennen keine ander«als materielle Interessen."
„Wir ziehen eben den gesunden Verstand zu Rathe."
„Und wir das Herz, wollten Sie sagen.*
„Eigentlich wollte ich etwas Anderes sagen."
„Lassen wir daS," sagte die Dame etwas stolz, „Sie werden mir nie Recht geben,also sprechen wir nicht mehr davon."
Mit diesen Worten machte sie eine leichte Verbeugung und ging zur Wärterin, dieendlich das Kind in Schlaf gebracht hatte.
„Fürchtest Du nicht, gute Mela," sagte die Fremde, die wir künftig Luch nenne«wollen, „daß die Abendluft Georg schaden möchte?"
„Ich gehen schon, aber Herrin auch nicht bleiben auf dem Deck."
„Nur noch einige Augenblicke, die Kühle ist so angenehm."
Als Mela ging, beugte sich die junge Frau über das Kind und drückte einen Kußauf seine Stirne. Nachdem sie allein war — deun die Paar Matrose« waren keme