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lästigen Zeugen — wandte sie den Blick traurig der Heimath zu und ein tiefer Seufzerentstieg ihrer Brust. Ein unbestimmtes Borgefühl sagte ihr, daß sie ihr schönes Vater-land nicht mehr sehen werde. Und welch' bittere Schmerzen harrten vielleicht ihrer indiesem Frankreich ! Aber wenigstens wird sie ihr Schicksal erfahren; ist nicht Alles dieserentsetzlichen Ungewißheit vorzuziehen? Was waren die Gefahren, von denen ihr derCapitän Borschel sprach gegen das, waö sie vielleicht fürchten mußte? Vielleicht eineGnade von Gott, um nicht viel Schrecklicheres zu erleben.
Mit solchen Gedanken beschäftigt, umgeben von dem großartigen Naturschauspiel,faltete sie unwillkürlich die Hände und flüsterte leise: „Mein Gott, steh' mir bei mitDeiner Gnade in der schweren Prüfung, die ich vielleicht zu bestehen habe; gib mirKraft gegen das Unglück zu kämpfen, und wenn es unabänderlich ist, gib mir Ergebunges zu tragen."
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als sie inne hielt. Der Ausdruck ihrerZüge verrieth, daß die Ergebung keine Tugend sei, deren Ausübung ihr eben leichtwürde. Dann ging sie, wie um ihren Gedanken zu entfliehen, mit langen Schrittenauf und ab. Einige Augenblicke nachher kam Mela zurück, um ihre Herrin wiederholtzu mahnen, sich zur Ruhe zu begeben. Die alte Mulattin war Lucy's Amme gewesen,und ein wahrer Typus der Hingebung und Anhänglichkeit, die man manchmal bei denSchwarzen findet, es war zugleich die Treue einer Mutter und einer Sclavin, die vorkeinem Opfer zurückgcbcbt wäre. Mit derselben Sorgfalt pflegte sie jetzt Georg, wieeinst Lucy, deren volles Vertrauen sie besaß; sie kannte die Beweggründe ihrer Reisenach Frankreich und gerne hätte sie diese um den Preis ihres Lebens vereitelt. Abervergebens hatte sie ihre Gebieterin fußfällig angefleht; sobald sie ihre Anstrengungen er-folglos sah, unterwarf sie sich mit jenem der Sclavcrci eigenen passiven Gehorsam undverlangte die einzige Gnade, von ihren Lieblingen nicht getrennt zu werden.
N.
Der Widerwille, womit Capitän Borschel Lucy gleichsam gezwungen an Bord auflgenommen hatte, verschwand schon in den ersten Tagen der Reise. Er hatte gefürchtet/die an allen Conifort gewöhnte reiche Creolin werde sich schlecht in einen längeren Aufent-halt auf einem Handelsschiff finden, wo, wie bekannt, jede Bequemlichkeit der Nothwen-digkeit zum Opfer gebracht wird, so viele Waaren als möglich unterzubringen. Es be-durfte auch eines förmlichen Befehls von Seite seines RhedcrS, um ihn zur Aufnahmeder Dame zu bewegen; als er aber sah, mit welcher Geduld sie alle Unannehmlichkeitendes Scclebcns ertrug, erklärte er, sie sei würdig, die Frau eines Seemannes zu sein,«in Compliment, das in dem Munde des Capitänö ein non plus ultra vonGalanterie war.
Lucy brachte fast alle Abende auf dem Verdeck zu und suchte im Gespräch denCapitän öfter über Frankreich auszufragen. Dieser aber konnte nicht begreifen, wie manInteresse für eine andere als eine Hafenstadt haben könne, und nur wenn er von demschönen, stolzen Bordeaux sprach, da konnte er nicht genug erzählen. Je mehr man sichdem Ziele der Reise näherte, desto unruhiger und erregter wurde Lucy, sie schien dieAnkunft gar nicht erwarten zu können. Das Wetter war beständig schön gewesen undalles ließ auf eine glückliche Ankunft hoffen. „Noch acht Tage solchen Wind und wirsind am Ziel," sagte Herr Borschel ganz vergnügt; „dann will ich die ganze Kriegs-daucr über nicht mehr in See gehen, damit meine arme Frau sich nicht mehr so sehrum mich sorgen muß. Doch haben wir noch nicht völlig gewonnenes Spiel, je mehrwir uns der Küste nähern, desto gräßcr wird die Gefahr."
Drei Tage später traf Lucy eines Morgens den Capitän mit dem Fernglas in derHand eifrig nach einem Punkt am Horizont spähend. „Was betrachten Sie so auf-merksam," fragte sie, „gibt es etwa ein Gewitter?"