Nr. 4 . 20. Januar 1868.
Angsburgee
Wer eine große Seele hat, trägt die Sanftmuth auf dem Gesicht.
Herder.
Rache und Liebe.
(Fortsetzung.)
VI.
Lucy war vom Schlöffe Vöricourt in der äußersten Aufregung zurück gekommen.In ihrer Liebe wie in ihrem Stolz bitter gekränkt, war ihr nichts erspart geblieben, wasihren Zorn nähren konnte.
„Er hat nicht einmal mit seiner Mutter von mir gesprochen," sagte sie bei sichselbst; „vielleicht dachte er schon an falschen Verrath, während er mir von seinem Schmerzüber die unvermeidliche Trennung redete. Und die, die mich so mit Schmach über-häuften, kann ich jetzt mit einem Wort zu Grunde richten — oh, sie sollen mir meineThränen theuer bezahlen."
Wie bei allen nervösen Frauen, die im Augenblick der Aufregung oft eine unge-wöhnliche Kraft zeigen, folgte derselben bald eine völlige Abspannung. Auf die theil-^ nehmenden Fragen Mela's machte sie eine abwehrende Bewegung, sie fühlte ein unab-
weisbares Bedürfniß nach Ruhe und sank bald in einen Lehnstuhl, wo man sie hätteschlafend glauben können; ohne die convulsivischen Zuckungen, die ihren Körper von Zeitzu Zeit erschütterten. Der kleine Georg spielte im Nebenzimmer, um die Mutter nichtzu stören, da ertönte die Stimme der Frau Goulard: „Ja wohl, die gnädige Frau istzu Hause, kommen Sie nur mit mir."
In demselben Augenblick öffnete sie die Thüre und ein Greis, dessen Kleidungeinen Geistlichen verrieth, trat in's Zimmer.
„Herr Bcauprs, unser Pfarrer, möchte gerne mit Ihnen sprechen, gnädige Frau."
Lucy verneigte sich kalt.
Nachdem die Wirthin, wiewohl ungerne, sich zurückgezogen hatte, begann derPfarrer: „Wenn ich mich in die unglückliche Geschichte mische, die mich hieher führt, sogeschieht dies auf dringendes Bitten der Gräfin V6ricourt, in deren Haus ich seit dreißigJahren ein - und ausgehe."
Die Crcolin machte abermals eine stumme Verbeugung.
„Vor Allem," fuhr der Pfarrer fort, „drücke ich Ihnen das aufrichtige Bedauernder Gräfin aus, wenn sie im Verlaufe Ihrer Unterredung einen verletzenden Ausdruckgebraucht hat."
„„Ich bin der Frau Gräfin für diese Rücksicht sehr verbunden, obwohl ich ver-muthe, welchem Beweggrund sie entspringt.""
„Und jetzt wollte ich Sie bitten, mir zu sagen, was Sie zu thun gedenken."
„„Das kann Ihnen die Gräfin sagen, sie weiß es von mir selbst.""
„O nein, es ist nicht möglich, daß Sie ein solches Vorhaben ausführen, Sie sagtennur so in der ersten Aufwallung eines gerechten Zornes, Ihr Herz mißbilligt es gewißschon jetzt."