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„»Da haben Sie sich von meinem Herzen eine viel zu Vortheilhafte Meinung ge-macht. Nein, nein, ich bekenne meine schlimme Natur, ich kann nicht Böses mit Gutemvergelten." "
„Der unglückliche Georg hat schwer gegen Sie gefehlt, aber bedenken Sie die Fol-gen einer solchen Bekanntmachung. Ziehen Sie als Frau und Christin nicht ein groß-müthiges Verzeihen vor?"
„„Und meine Pflichten als Gattin und Mutter, soll ich die bei Seite setzen? —Soll ein Mann die Existenz einer vordem so glücklichen Fran ohne Gewissensbisse ver-nichten, soll er der heiligsten Bande spotten können, soll die Verzeihung seines Opfersihm noch Straflosigkeit zusichern? Das hieße Gesetz und Moral umgehen.""
„Glauben Sie ja nicht," fuhr der Pfarrer fort, „daß Georg ohne Gewissensbisseein so verdammenswerthcs Verbrechen begangen hat."
„„Oh,"" sagte Luch bitter, „„nur kommen sie zn spät, wie das Bedauern seinerMutter.""
„Wenn die Strafe den Schuldigen allein träfe", entgegnete Herr BeauprS traurig,„würde ich keine weiteren Vorstellungen wagen, aber die Schande füllt auf eine ganzeFamilie zurück, deren Namen stets geachtet war."
„„Ich kann für diesen Namen keine Rücksichten haben, die Herr VSricourt selbst nichtgehabt hat.""
„Aber es ist auch der Name Ihres Sohnes."
„„Die Schmach wird nicht auf ihn fallen; sobald meine Heirath bekannt ist, ver-lasse ich dieses Land für immer.""
„Ueberdieß," sagte Herr Beauprtz säst schüchtern, „bereiten Sie einer andern ganzschuldlosen Frau ein elendes Loos."
„„Zögen Sie vor, daß sie an die Giltigkeit dieser scandalösen Ehe fortglaubte?""
„Von heute an," erwiderte der Priester ernst, „ist zwischen Herrn Vüricourt undFräulein d'Apremont eine ewige Scheidewand. Aber nachdem sie die Nothwendigkeit derTrennung erkannt, lassen Sie ihr wenigstens den unwissentlichen Fehler beweinen, ohnedaß die Blicke der bösen Welt auf sie gerichtet sind."
„„Fräulein dÄpremont,"" sagte die Crcolin bitter, „„mag hierin handeln, wieihr Gewissen ihr vorschreibt, es steht mir kein Recht zu, sie zu leiten.""
„Aber Sie müssen doch zugeben, daß sie kein solches Loos verdient hat."
„„Oh sie, sie ist geliebt,"" rief Luch, ihr Gesicht in beide Hände verbergend.
Das war jener Seelenschrei, der unsere innersten Gedanken verräth. Aber sogleichüber ihre Schwäche erröthend, fügte sie bei: „„Ich bin selbst so unglücklich, mein Herr,daß mir kein Mitgefühl für das Unglück Anderer bleibt. Wenn Sie wüßten, welcheQualen mein Herz gelitten! Seit länger als einem Jahr beweinte ich den Tod meinesGatten, da hörte ich, daß Georg nicht nur am Leben, sondern im Begriff sei, eine neueEhe einzugehen. Anfangs glaubte ich an eine Verwechslung, als ich aber nicht mehrzweifeln konnte, daß er dem Schiffbruch entkommen, verwarf ich wenigstens den Gedankenan eine Heirath als eine Verläumdung, mein Herz empörte sich, daran zu glauben. —Selbst sein Schweigen suchte ich zu entschuldigen, und hoffte jeden Tag ihn zurückkehrenzu sehen. Endlich konnte ich diese Marter nicht länger ertragen, trotz der Bitten meinerFreunde und der Gefahren der Reise während der Kriegszeit, reiste ich ab, ich mußteGewißheit haben. Vielleicht, dachte ich, komme ich im schlimmsten Falle noch rechtzeitiggenug, ein Verbrechen zu verhindern. Aber kaum angekommen, höre ich, daß er verhei-rathel ist, vcrheirathet seit einem Jahr, während ich noch seinen Tod beweinte! Undman wage es jetzt, mir von Mitleid, von Vergessen, von Verzeihen zu sprechen. Nein,Herr, ich habe zu viel gelitten, und leide noch schrecklich.""
Mit diesen Worten sank sie in einen Lehnstnhl und brach in Schluchzen aus. —Der würdige Priester war tief erschüttert; er versuchte es, den einzigen Trost zu spenden.