Ausgabe 
28 (26.1.1868) 4
 
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den seine Stellung erlaubte: die Hinweisung auf eine bessere Welt. Aber Lucy's Seelewar zu sehr von Bitterkeit erfüllt, nur ergebenen Gemüthern kann man von der himm-lischen Vergeltung sprechen, sie wollte Rache. Jetzt versuchte er nur noch, Georg wenigerstrafbar erscheinen zu lassen.

Hören Sie wenigstens, durch welchen Zusammenfluß unseliger Umstände Ihr Ge-mahl so weit kam: Seit vierzehn Tagen hatte Georg Ihr Land verlassen, als einfurchtbarer Sturm losbrach, das SchiffHeinrich" konnte bald nicht länger gegen dieElemente kämpfen, und die Mannschaft sah ihrem Untergang uni so gewisser entgegen,als das Schiff anfing, von allen Seiten Wasser zu schöpfen und ein Versinken unver-meidlich war. Einige Unglückliche, darunter auch Ihr Gatte, suchten durch Schwimmendie nahe Küste zu erreichen; von zwölfen gelang es nur zweien, die andern fanden ihrGrab in den Wellen. O gnädige Frau, hätten Sie Georg die Schilderung seiner Lei-den machen hören! alle Uebel schienen in dieser Filiale der Hölle vereinigt zu sein, unddort mußte er Wochen, Monate zubringen. Solche Qualen hätten den Stärksten nieder-gedrückt, wie viel mehr einen Mann, dem Entbehrungen neu waren. Als daher nachsechs Monaten unsäglicher Leiden Herr von Vsricourt zurückkam, erkannte ihn seineeigene Mutter nicht."

Luch war bewegt. Der Pfarrer fügte noch Alles bei, was Georg seiner Mutterzu seiner Entschuldigung gesagt hatte; einen Augenblick gab er sich der Hoffnung hin,die Sache seines Clienten gewonnen zu haben, als er aber den Namen Pauline d'Apre-mont ausgesprochen, erwachte all' ihr Haß wieder und er konnte weiter nichts erreichen,als das Versprechen, vor drei Tagen keinen entscheidenden-Schritt zn thun.

VII.

Trotz der vorgerückten Tageszeit begab sich Herr Beauprö wieder nach SchloßVsricourt, um seine Freunde von dem freilich nur sehr geringen Erfolg seines Besuchesin Kenntniß zu setzen.

Es war ihm bei seiner tiefen Mcnschcnkcnntniß leicht gewesen, zu errathen, daßLuch ihren Gemahl noch immer liebe, aber er nahm sich vor, das Geheimniß vor Georgsorgfältig zn bewahren, denn Hoffnungen an diese noch bestehende Neigung zu knüpfen,wäre thöricht gewesen, ihr Entschluß sich zu rächen, stand zu fest, und das bittere Gefühlverschmähter Liebe machte ihn vielleicht um so unerschütterlicher. Als er auf demSchlöffe ankam, war es fast Nacht, die erste Person, die ihm entgegen kam, warPauline.

Ach, lieber Herr Beauprs," sagte sie,wie froh bin ich, daß Sie kommen, viel-leicht können Sie mir erklären, was hier vorgeht; die Mama ist unwohl und will sichnicht von mir pflegen lassen; Georg hat sich in sein Zimmer eingeschlossen und will michnicht sehen. Es muß irgend eine unangenehme Nachricht eingetroffen sein, aber warumtheilen sie mir dieselbe nicht auch mit, soll ich nicht Theil an ihren Sorgen haben?"

Als der Greis in trübem Schweigen verharrte, fuhr Pauline fort:Georg hatallerdings schon öfter solche Anfälle von Melancholie gehabt, es war dies bis jetzt meineinziger Kummer, aber dann war immer die Mauia um so liebenswürdiger mit mir,während heute auch sie mich zurückstößt. Ich kann mich doch nicht erinnern, Veranlassungdazu gegeben zu haben."

Ich werde ausführlicher mit Ihnen reden müssen, mein Kind," sagte endlich derPfarrer,und bitte Sie daher, morgen früh zu mir zu kommen."

So hab' ich also doch gefehlt," fragte sie ängstlich.

Niemand ist ohne Fehler, deßhalb müssen wir lie Prüfungen, die Gott uns schickt,mit Ergebung tragen. Aber fragen sie mich jetzt nicht weiter, ich kann Ihnen im Augen-blick nur so viel sagen, daß weder Georg noch seine Mutter Ihnen zürnen."