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28 (26.1.1868) 4
 
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Pauline beruhigte sich bei dieser Versicherung und der Pfarrer begab sich zur Gräfinund ihrem Sohn.Nun, wie stehts," fragten Beide zugleich in größter Spannung,was haben Sie ausgerichtet?"

Nichts als einen Aufschub von drei Tagen."

Also keine Hoffnung, dieses unglückliche Weib zu rühren!" rief die Gräfin. Nacheinigem Schweigen setzte sie hinzu:Wäre es nicht möglich, die Ehe für ungültig er-klären zu lassen, vielleicht wegen irgend eines Formfehlers?"

Wenn Sie solche Dinge beabsichtigen, so suchen Sie anderswo Rath, gnädigeFrau," erwiderte der Pfarrer streng,ich habe mich wohl zum Anwalt für den Schul-digen aufgeworfen, aber ich werde die Hand nicht dazu bieten, sein Opfer zu unter-drücken. Diese Frau hat heilige Rechte und schon der Versuch, sie ihr zu rauben,wäre eine Infamie."

Meine Heirath mit Luch hat in aller Form Rechtens stattgefunden," sagte Georg,und was auch kommen mag, ich will mich auf solche Weise demselben nicht entziehen."

Aber was können wir denn anders thun?"

Gott bitten, Gräfin, daß er das Herz der schwergekränkten Frau rühre. Fürjetzt bleibt mir noch eine schwere Pflicht zu erfüllen. Fräulein d'Aprcmont von ihremUnglück zu unterrichten."

Oh, noch nicht, jetzt noch nicht!" rief der Graf schmerzlich.

Warum sollte ich zögern?" erwiderte der Priester,muß sie nicht die unseligeWahrheit erfahren? Außerdem gebieten mir die Verpflichtungen meines AmteS, dieß ohneAufschub zu thun, ich kann nicht zugeben, daß diese reine Seele ein von nun »n straf-bares Gefühl beflecke. Ueberdieß verlangt sie von mir Aufschluß über das, was hiervorgeht, und so hart auch der Schlag sein mag, so hoffe ich, er soll sein Heilmittel insich tragen."

O ja," sagte der Graf höchst aufgeregt,Sie werden Alles thun, ihr Herz vonmir abzuwenden."

Ich hoffe, es soll dies keine große Anstrengung kosten, Fräulein d'Aprcmont wirdselbst fühlen, daß Sie ihrer Liebe unwürdig sind."

Mein Herr, mißbrauchen Sie meine unselige Lage nicht!"

Nein," entgegnete der Priester mit Würde,ich habe lange meinen Unwillen nie-dergehalten, aber endlich fließt er über. Wie, in dem Augenblick, wo Sie mit blutigenThränen das elende Loos beweinen sollten, das Sie zwei unschuldigen Frauen bereitethaben, wagen Sie es, zu bedauern, daß wenigstens die Eine minder unglücklich ist, in-dem sie Ihnen ihre Liebe entzieht?"

Bei diesem Vorwurf senkte der Gräf beschämt das Haupt.

Ich fühle ja mein Unrecht," sagte er niedergeschlagen,aber Sie kennen dasGefühl nicht, dessen Einfluß mich so ganz beherrschte."

Wenn es einen so verdammenswürdigen üben kann, so danke ich Gott aus ganzemHerzen dafür," sagte Herr Beauprs. Dann wandte er sich zur Gräfin und fuhr fort:Ich laste Fräulein d'Aprcmont noch eine Zeit lang unter Ihrem Dach, weil ich dieNothwendigkeit einsehe, alles Aufsehen zu vermeiden; denn trotz meiner geringen Hoff-nungen will ich doch noch alles versuchen, ein Aergerniß zu verhindern."

Der Pfarrer ging und ließ die Gräfin und ihren Sohn in einer Unruhe zurück,die an Verzweiflung gränzte.

(Fortsetzung folgt.)