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ginge. Ach, um meinen Sohn zu retten, wollte ich mich demüthigen und sie auf denKnieen um Verzeihung bitten."
Herr Beauprs schüttelte traurig den Kopf. Trotz allem guten Willen war sie beiihrem stolzen, reizbaren Charakter zur Rolle einer Bittenden nicht geeignet, überdieß sahLucy in ihr die erste Ursache ihres Unglücks. „Mutter," sagte Georg, dessen Züge sichplötzlich belebten, „ich selbst will zu Lucy gehen."
„Du, das ist unmöglich, nicht wahr, Herr Beaupre, das kann nicht sein?"
Der Pfarrer gedachte der Liebe, die Lucy noch immer für ihren Gemahl empfand,und freute sich innerlich dieses Entschlusses, obwohl er deren Gefühle nicht verrathenwollte. Er sagte daher nur: „Ich habe nichts dagegen einzuwenden, vielleicht hat Gott ihm den Gedanken als letztes Rettungsmittel eingegeben."
Bevor wir dieser Unterredung folgen, wollen wir uns umsehen, ob Frau Goulardihrem Vorsatz, zu schweigen, treu geblieben ist. Gewiß hatte sie den besten Willen dazugehabt, ein ihrer ehemaligen Herrschaft so fatales Geheimniß zu bewahren, sie that esauch einen ganzen Abend, aber zum Unglück traf sie des andern Morgens ihren Zunft-Genossen, den Wirth zum „Goldenen Löwen."
„Sie haben ja jetzt eine vornehme Dame, die von den Antillen kömmt, zu GastGeben Sie Acht, den Leuten, die so weit her sind, ist nicht zu trauen, solche Gäste seh'ich immer lieber vor meiner Thüre vorüber gehen."
Frau Goulard fühlte die Zornesröthe in's Gesicht treten, sie antwortete aber ge-lassen: „Sie möchten Recht haben, Herr Bvnard, denn Sie können aus Erfahrungsprechen. Die Geschichte mit dem angeblichen Lord, der voriges Jahr bei Ihnen logirte,und sich wie er sagte, vor der Regierung verbarg, war ärgerlich genug, denn eines Tageskonnten Sie ihn selbst nicht mehr finden, er war fort und hatte vergessen, die Zeche zuzahlen. Aber sorgen Sie sich nicht, ich weiß um die Angelegenheiten, die die Damehieher führten."
„So, sie hat Sie zur Vertrauten gemacht," spottete der Wirth, von der Anspielungauf den Lord unangenehm berührt.
„Wundert Sie das?"
„Mich? — nicht im Geringsten, ich bin auch überzeugt, daß Niemand von demGeheimniß etwas erfährt."
„Und warum?"
„Eh" lachte der Wirth laut auf, „weil Sie selbst nichts wissen."
„So, weil ich nichts sagen will, meint man, ich weiß nichts."
„Ich behaupte es sogar."
„Das ist zu arg; aber ich merke, Sie wollen mich reden machen, nichts sollen Sieerfahren, nur das Eine sage ich: In kürzester Zeit wird ein Ereigniß eintreten, dasdie ganze Stadt in Aufregung bringen wird, dann erinnern Sie sich des Gesagten."
Und mit ihrer Standhaftigkeit sehr zufrieden, ging Frau Goulard von bannen. —Eine Stunde später erzählte man sich die abenteuerlichsten Gerüchte über die fremde Dame.Frau Goulard wurde förmlich mit Besuchen bestürmt, noch eine Zeit lang hielt sie sichtapfer, aber endlich erlag sie dem erheuchelten Mißtrauen ihrer Fragestellcrincn, und baldwar die Nachricht von des Grafen Heirath mit Lucy in der ganzen Stadt bekannt.
Die Zeit der Revolution war noch nicht so ferne, daß nicht in der Bevölkerung eingewisser Haß gegen die Adeligen zurückgeblieben wäre, besonders gegen die Vvricourt's,die der großen Katastrophe so glücklich entgangen waren. Mit wahrem Vergnügen hörteman daher von dem scandalösen Ereigniß, das den Stolz dieser Familie brechen mußte.
Das Gerücht kam endlich auch dem Staatsanwalt zu Ohren, einem jungen Beam-ten, der darin mit Freuden die Möglichkeit zu einem glänzenden Debüt erblickte. Einenganzen Tag erwartete er die Anzeige, die, wie man ihm sagte, die Fremde zu machengedenke; als sie nicht kam, sagte er sich, daß die Dame ohne Zweifel eine Scheu habe.