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ihre Rechte geltend zu machen, und daß es an ihm sei, sie aufzumuntern. Freilich,wenn er wieder bedachte, aus welch' trüber Quelle die Angaben flößen, war er wiederzweifelnd, was er thun solle, ein voreiliger Schritt mußte ihn ja lächerlich machen.Lassen wir den jungen Beamten in seiner Unschlüssigkeit und kehren wir zu Luch zurück.
XI.
Au dem tiefen Seelenleiden, das an der unglücklichen Luch nagt, hat sich auch einkörperliches Unwohlsein gesellt. Umsonst hat sie den Fauteuil an's Fenster geschoben,aus der engen, schmutzigen Gasse dringt nur eine schwere, unreine Luft herein, es liegtwie eine ungeheure Last auf ihrer Brust und sie möchte rufen: Luft, Luft!
Wer gibt ihr ihre schöne Heimath wieder? Wer den Frieden und das Glück ihrerJugend? Ach, sie sind auf immer entschwunden, wie jene Tage in den Schooß derZeiten. —
In wenigen Stunden ist die Frist um, die sie auf Herrn BeauprL's Bitten gewährthat, sie wird vor aller Welt die Anerkennung ihrer Ehe verlangen und die Nichtigkeitjener der Fräulein d'Apremont beweisen. Mit einem Schlag werden ihre Feinde ver-nichtet fein! — Wie kommt es denn, daß sie bei dem Gedanken an Georg's Strafe einunbestimmtes Entsetzen fühlt? Umsonst will sie gegen diese Schwäche kämpfen, sie wünscht,ihr schuldbeladener Gemahl möge sich durch die Flucht retten. Der Zufall wollte, daßdieser Tag der fünfte Jahrestag ihrer Vermählung war. Welch furchtbare Veränderungin dieser kurzen Zeit, wer hätte ihr damals eine solche Zukunft prophezeit! Wie glück-lich schien Georg, wie feurig schwur er ihr ewige Liebe zu, und mit welcher Hingebunglegte sie ihr Geschick in seine Hände. Sie dachte an die Glückwünsche, die sie empfing,an die sanften Vorwürfe, die sie ihrem Vormund machte, daß er die allgemeine Freudenicht theile; nicht als ob Herr Raviercs die Aufrichtigkeit des Grafen bezweifelte, er be-dauerte nur, daß er sich von seiner lieben Mündel trennen mußte. Wie viel bittereThränen sind diesen kurzen Augenblicken der Freude gefolgt!
Plötzlich sprang der kleine Georg, der im Nebenzimmer gespielt hatte, in'S Zimmerund rief: „Mama, ein fremder Herr."
Lucy erhob die Augen — — ihr Gemahl stand vor ihr.
Eine tödtliche Blässe überzog das Gesicht der Crcolin, sie legte die Hand auf'sHerz, um dessen Schläge zu hemmen, sie wollte aufstehen, aber ein heftiges Zittern zwangsie, in den Stuhl zurück zu sinken. Umsonst will sie gegen diese Verletzung ihres AsylsVerwahrung einlegen, die Worte ersterben ihr auf den Lippen, ihre Augen nur drückenaus, was in ihrer Seele vorgeht.
Fast nicht weniger ergriffen betrachtete sie der Graf mit schmerzlicher Ueberraschung.Auf diesem, jüngst von Schönheit und Jugend strahlendem Gesichte, kann der Unglücklichealle Qualen lesen, die er verursacht, und eS däucht ihm, daß er unmöglich Verzeihungerlangen kann. „Mein Herr," begann sie endlich mit kaum vernehmlicher Stimme, „waswollen Sie hier?"
„Ich bin gekommen, für meine Mutter zu bitten ..."
„Ihre Mutter ist mir nichts, und auch Sie sind mir nichts mehr, Graf, denn Siehabe» alle Bande zwischen uns zerrissen, also lassen Sie mich!"
„Stoße mich nicht zurück, Lucy, ohne mich gehört zu haben, im Namen unseresKindcS bitte ich!"
„Des Kindes, das Sie verlassen haben!" sagte Lucy mit vernichtender Verachtung.„Ich will nichts hören, nichts gewähren."
„Ich versuche nicht mich zu rechtfertigen," stammelte Georg, „wie sollten Sie dieunselige Veränderung begreifen, die meine langen Leiden in mir hervorgebracht. Ohnealle Energie, scheute ich den Kampf gegen meine Mutter, um Sie ihr als Tochter vor-führen zu können; ich fühle, wie verächtlich dies war, und erröthe darüber, aber glaubenSie mir, ich war damals nicht mehr ich selbst."