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„Und als Sie Fräulein d'Aprcmont an den Altar führten, war es auch in diesemZustand der Entkräftung und Hinfälligkeit," unterbrach ihn Lucy mit bitterem Spott.
„Nein," sagte Georg mit gesenktem Blick, „eine strafbare Liebe hatte sich in meinHerz geschlichen, mein Verbrechen ist ohne Entschuldigung."
„Warum ohne Entschuldigung? Suchen Sie dieselbe doch in ihrer Schönheit, inihrer Geburt, die wenigstens sie würdig machte, Ihren Namen zu tragen. Zudemkonnten Sie sich ja schmeicheln, daß Ihre verlassene Gattin Ihren Verlust nicht überlebthabe, und Sie sonach frei wären, eine andere Verbindung einzugehen. Leider hat derKummer nur meine Gesundheit zerstört und diese Schönheit, die Sie einst so zu fesselnschien, aber ich habe nicht sterben können. Glauben Sie mir, Niemand beklagt diesmehr, als ich."
„Du bist grausam, Lucy," sagte der Graf, „aber ich habe kein Recht, mich zubeklagen. Dennoch hab' ich nicht ganz an Deiner Verzeihung verzweifeln können. Duwarst immer die beste, hochherzigste Frau, die ich gekannt, ich appellire an dieses Gefühl."
„Sie irren sich, wenn es so war, haben Haß und Unwille diese Eigenschaftenvöllig verdrängt."
„Unmöglich, so können Sie sich nicht geändert haben. Doch hören Sie wenigsten-die Vorschläge, die ich Ihnen mache. Ich nehme im Ausland Dienst, vor meiner Abreisevermache ich unserem kleinen Georg rechtsgiltig mein ganzes Vermögen, er soll in Frank-reich bleiben und bei meiner Mutter erzogen werden. Sie können seinetwegen gewißruhig sein, meine Mutter wird in ihm die einzige Erinnerung an ihren Sohn sehen,denn ich kehre nie mehr zurück."
„Das heißt, mein Sohn soll auS Gnaden bekommen, was ihm von Rechtswegengebührt. Nein, Herr Graf. mein Vermögen genügt ihm; was ich will, ist die Aner-kennung des Namens, der ihm zukömmt. Fliehen Sie, ich will so lange noch warten."
„Ist das Ihr letztes Wort?"
„Ja, und es ist unerschütterlich."
„Wohlan, so hören Sie auch das meine: Ich will keinen entehrten Namen tragen,und werde nicht fliehen, aber an dem Tage, an dem meine Schmach offenkundig wird,werde ich ein Leben endigen, das ehrlos geworden, mag Gott mich alsdann in Gnadenaufnehmen."
Lucy bebte zusammen. In diesem Augenblick hörte man im Gang eine Männer-stimme: „Ich finde mich schon zurecht. Freund, die erste Thüre rechts, nicht wahr?" —Kaum hatte sie noch Zeit, in das anstoßende Zimmer zu treten, als ein Diener dieThüre öffnete und einen fremden Herrn einführte. Es war ein junger Mann, dessenernste Haltung fast erkünstelt schien, er grüßte mit einer gewissen Beschützermiene, undnahm dann unaufgefordert einen Stuhl.
Die Ucbcrraschung ließ Anfangs Lucy nicht zu Wort kommen; sie erwartete auch,der Fremde werde sogleich den Grund seines Hierseins erklären, als dieser aber schwieg,und erst nach Worten zu suchen schien, sagte sie mit kaum verhehlter Ungeduld: „Darfich fragen, was Sie hicher führt, mein Herr? Ich habe allen Grund zu glauben, daßIhre Gegenwart auf einem Mißverständlich beruht."
„Ich bin hier Staatsanwalt, gnädige Frau."
Die junge Frau machte ein Zeichen des Erstaunens: „Und was verschafft mirdie Ehre Ihres Besuches?"
Jetzt war der Beamte seinerseits überrascht, er hob aber mit einer gewissen Emphasean: „Auf den ehrenvollen Posten, den ich begleite, berufen die Unschuld zu beschützen,das Laster zu entlarven, wie hoch auch der Rang sein mag, hinter welchen es sich ver-birgt, mit einem Wort, dem Rechte zum Sieg zu verhelfen, habe ich nicht erst IhreAufforderung'abwarten wollen, — um Ihnen den Schutz anzubieten, den Ihre Lageerheischt."