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nicht überzeugen kann," sagte er, „und ich wünsche nur, daß Sie diese übertriebene Groß.muth nie bereuen möchten."
Damit verabschiedete er sich kalt, ohne sein Mißvergnügen ganz verbergen z«können.
XII.
Sobald Luch allein war, sank sie in ihren Stuhl zurück und verbarg ihr Gesichtin die Hände. „Es ist geschehen," sagte sie leise, „mein Schicksal ist erfüllt."
So blieb sie einige Zeit in sich versunken, als ein leichtes Geräusch sie aus ihrenTräumen schreckte. Georg stand neben ihr. „Oh Luch!" rief er, „wie kann ich Ihnenmeine Dankbarkeit bezeigen!"
„Ich verlange keine, mein Herr," sagte sie lebhaft, „nicht um Ihretwillen habe ichmich selbst verläugnet, Gott allein habe ich meine Rache zum Opfer gebracht."
„O, wüßten Sie, was mein Herz empfand, als Sie diesem Manne eine so edle,großmüthige Lüge sagten."
„Vielleicht," sagte Lucy traurig, „hab' ich mich hierin über meine Pflicht getäuscht,dann mag mir Gott verzeihen."
„O fürchten Sie nichts für Ihr Kind, in meiner Liebe zu ihm will ich meinemDank, meiner Hochachtung für seine Mutter Ausdruck geben. Aber werden Sie ihn mirüberlasten?"
Nach kurzer Unentschiedenheit sagte sie fest: „Ja, Herr Graf, Georg soll in Frank-reich bleiben. Nichts in der Welt könnte mich zu diesem Opfer bewegen, wenn ich nichtfühlte, daß meine Tage gezählt sind; ich bin für solches Leid nicht stark genug. Bald,Herr Graf, soll Ihrem Glück nichts mehr im Wege stehen."
„Oh, reden Sie nicht so, Lucy, der Gedanke, Ihren Tod verschuldet zu haben, istmir fürchterlich."
„Sie haben mein Leben so elend gemacht, daß ich den Tod als eine Wohlthat be-grüße. Vor meiner Abreise sende ich Ihnen meinen Sohn, und wenn es wahr ist, daßSie Ihr Unrecht bereuen, so machen Sie wenigstens mein Kind glücklich."
„Ich gehe," sagte der Graf ganz niedergebeugt; „aber bevor wir uns wohl fürimmer trennen, soll ich nicht ein Wort der Verzeihung hören?"
Lucy schüttelte den Kopf.
„Ich flehe darum."
„Ich bin leidend, Graf, und Sie sind ohne Rücksicht, haben Sie nicht mehr erlangt,als Sie hoffen durften?"
„Es ist wahr, aber Ihre Großmuth vermehrt noch meine Reue und meinenSchmerz. O könnte ich mit meinem Blute die Vergangenheit zurück erkaufen!"
„Ich will es glauben," erwiderte Lucy bitter lächelnd, „denn ganz taub könnenSie gegen Ihre Gewissensbisse doch nicht sein."
„Nur ein Wort könnte sie lindern."
„Nein, nein," rief Lucy heftig, „ich kann Ihnen nicht verzeihen. Sie haben michgezwungen, den geheiligten Namen als Gattin zu verläugnen, vor dem Manne zu er-röthen, der mir seinen beleidigenden Argwohn nicht verbarg, Sie haben einer schwachenFrau mit Selbstmord gedroht, wenn sie nicht moralisch sich selbst morde und so IhrLeben in dieser und jener Welt erkaufe — suchen Sie Verzeihung bei Gott, für solcheVerbrechen bedarf es einer göttlichen Barmherzigkeit."
Georg stand da, wie ein Bild der Demüthigung und Verzweiflung. „O Lucy,"rief er, „Sie sind gerächt!"
Die Augen Lucy's glänzten fieberhaft, ihre Wangen waren tief geröthet, sie kämpftemühsam eine nervöse Krisis nieder.
„Sie leiden," rief Georg, sie erschrocken ansehend, „erlauben Sie, daß ich bleibeoder Jemand rufe."