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„Nein, Mela ist nicht da, ich bedarf nur der Ruhe, gehen Sie."
„So sehr bin ich Ihnen verhaßt, — daß Sie meinen Anblick nicht ertragenkönnen, bis ..."
„Alles ist zwischen uns zu Ende; der Georg, den ich so sehr geliebt, ist todt. Siefind der Gemahl der Fräulein d'Apremont. So gehen Sie doch," fuhr sie mit neuerwachter Eifersucht fort, „beruhigen Sie Ihre Gemahlin, sagen Sie ihr, wie Sie michzum Schweigen gebracht, daß es jetzt an mir ist, zu erröthen, daß sie jetzt GräfinBsricourt ist und die Fremde nur eines jener verlorenen Geschöpfe, die sich ihre Schandebezahlen lassen wollen. O Herr Graf, Ihr Unwille ist nicht am Platz, es war dies dieAnschauung Ihrer eigenen Mutter."
„Gnade! Mitleid!" flehte der unglückliche Mann.
„Warum sind Sie auch geblieben, ich fühlte, daß meine Seele voll Bitterkeit war,und hieß Sie gehen."
„Ich hätte Sie gerne ruhiger verlassen, Luch."
„Die Ruhe des Grabes — nicht wahr? Mein Herz kann nur vergessen, wennes aufhört, zu schlagen."
„Nein, ich ertrage diese Qual nicht länger!" rief jetzt Georg. „Lucy, bevor eineStunde um ist, mache ich unsere Ehe bekannt. Zweifelst Du daran," fuhr er fort, alser die ungläubige Bewegung der Creolin sah.
Sie faßte ihn am Arm und sagte ernst: „Auf Ihre Ehre, ist es wahr, daß SieIhr Glück Ihren Gewissensbissen opfern wollten."
„Auf Ehre, ja."
„So ist doch nicht jedes edle Gefühl in Ihnen erstarken," begann sie nach kurzemSchweigen, „und wenn ich auch das Opfer nicht annehme, so danke ich Ihnen doch fürdie gute Regung, die Sie zu dem Anerbieten bewog. Aber eS ist zu spät, lassen wires, wie es ist."
Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer, einen schmerzlichen Blick auf denGrafen zurückwerfend, der nicht wagte, sie aufzuhalten. Georg schloß den Knaben, dererstaun: dem ganzen Auftritt zugesehen, in die Arme und eilte aus dem Gemach.
Xlll.
Als Herr von Vericourt in's Schloß zurückkam, fand er den Pfarrer, seine Mutterund seine Frau in großer Bangigkeit seiner Rückkehr harrend. Jedes suchte in seinenAugen zu lesen, keines wagte zu fragen; seine Blässe, seine Niedergeschlagenheit ließ sienichts Gutes ahnen.
„Also haben Sie nichts ausgerichtet?" fragte endlich der Pfarrer.
„Sie hat mir Schweigen zugesagt."
Ein Schrei der Freude entfuhr Pauline, die Gräfin athmete auf und sagte: „Aberwarum dann diese Traurigkeit? Du hast mich ganz erschreckt."
„Warum, Mutter? Weil ich mich noch nie so elend gefühlt." Dann erzählte er
seine Unterredung und wie er zuletzt sich selbst habe angeben wollen.
„Ist es möglich, die Thorheit so weit zu treiben!" rief die Gräfin.
„Sie hat es abgelehnt, die edle Frau!" sagte der Pfarrer.
„Gott sei mein Zeuge, daß ich ihrem Kinde eine Mutter sein will," betheuertePauline.
„Zwei Engel," murmelte Georg, „und ich!"
Es wurde nun berathen, unter welchem Vorwand er in's Ausland reisen sollte,um den Gerüchten, die in Umlauf waren, keine neue Nahrung zu geben.
Als der Pfarrer das Schloß verließ, wollte er der unglücklichen Lucy noch Lebe-wohl sagen. Er fand sie sehr leidend. „Wissen Sie auch," sagte sie unter Anderem,daß ich meinen Sohn hier lasse? Das überrascht Sie vielleicht, aber ich habe die festeUeberzeugung, nicht lange mehr in meiner Heimath zu leben, vielleicht kehre ich nicht