Ausgabe 
28 (16.2.1868) 7
 
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ter Vollkommenheit zu erheben. Als er in der Bibel gelesen hatte, daß JoaS einemHäuptling, während er ihn verrätherisch küßte, mit seinem Säbel den Bauch aufgeschlitzt,ohne den Arm zu bewegen, ruhte Marey nicht, bis er eine Waffe erfunden, mit der sichdasselbe Kunststück ausführen ließe, ohne daß der Betreffende, dessen Bart man nachorientalischer Weise mit der linken Hand vorher faßte, etwas von einer Bewegung desVerräthers merkte.

Der Marquis de St. Erica kam täglich zu Tortoni, um dort sein Eis zunehmen, aber er that es auf sonderbare Weise. Er setzte sich vor das Cafö und bestellteein Vanille- und ein Erdbeer-Eis. Dann zog er die Stiesel aus und goß ein wie alleMal das Vanille-Eis in den rechten, das Erdbeer-Eis in den linken Stiefel. Hatte ersich zufällig daher geirrt, so schüttete er das Eis wieder aus dem Stiefel, bestellte zweineue Portionen und wiederholte dieselbe Manipulation, aber in der richtigen Weise. ImUebrigen war er leidlich vernünftig.

Der Sohn des großen Conde, des Siegers von Nocroy, gewöhnlich nurderPrinz" genannt, wurde von der fixen Idee ergriffen, daß er todt sei. In Folge dessenverweigerte er jede Nahrung. Um ihn zu retten, gingen die Aerzte auf diesen Unsinnein und erklärten ihn für vollkommen todt. Aber, sagten sie, es gäbe gewisse Todte, diedennoch äßen, und zu diesem Zwecke verschrieben sie ihm einige berühmte Todte, die mitihm speisen sollten, seinen Großvater und den Marschall von Luxembourg. Die erstederartige Mahlzeit fand in einem Souterrain des prinzlichen Schlaffes statt. ZweiDiener des Prinzen, Girard und Richard, stellten den Großvater und den Marschallvor. Ein dritter Diener spielte die Rolle des Marschalls Turenne, der ebenfalls alsSchatten anwesend war. Auswärter in Leichentüchern bedienten die Todten und derDoctor Finot, der dieses seltsame Mahl belauscht und beschrieben hat, sagt, daß er bei-nahe geplatzt sei, denn die Gespräche der Todten seien über alle Maßen spaßhaft gewesenund er habe sich nur mit der allergrößten Mühe des lauten Auflachens erwehrenkönnen.

(Die angebliche Vergiftung der Erzherzogin Charlotte.) DerZustand der Geistesstörung der Gemahlin des Erzherzogs Maximilian wurde bekanntlichschon vor Monaten wiederholt einer stattgefundenen Vergiftung zugeschrieben. War dieBehauptung von vornherein eine unglaubwürdige, so wird sie dies um so mehr durch dievor ganz kurzer Zeit erfolgte Erklärung des Leibarztes der unglücklichen Fürstin undseiner Gemahlin, Doctor Scmelender, der zwar die Möglichkeit einer Vergiftung nichtabsolut verneint, es jedoch ganz überflüssig findet, eine solche anzunehmen, um die Geistes-krankheit der Erzherzogin zu erklären; so lange er im Verkehre mit derselben gewesen,habe er übrigens nie irgend etwas an ihr bemerkt, was im Entferntesten das Eintreteneiner Geistesstörung hätte vermuthen lassen. Interessant ist, was derselbe Hiebei (in einemSchreiben an die Wiener Med. Pr.) über das Gift selbst mittheilt, das der Erzherzoginin Mexiko gegeben worden sein soll. Er schreibt:Man spricht von einem Gifte, dasje nach der Menge, die einem Menschen beigebracht wird, schneller oder langsamer denVerlust des Verstandes und später den Tod verursacht. Nach einer mir zur Benützungüberlassenen Angabe aus einem handschriftlichen Hefte über Botanik des Frater Franciscode Ochva y Cadena im Franciskanerkloster zu Chiapas wäre dieses Gift das Camotillo.Das Wort Vandoux-Gift ist hier nicht bekannt. Das Camotillo - Gift soll von einemStrauche stammen, der an der Küste des Stillen Meeres wächst, von Chiapas bis Aca-pulco. Die Pflanze hat lorbecrartige Blätter; auS den Zweigen fließt beim Abschneidenein Milchsaft, der auf Baumwolle gesammelt und getrocknet wird. In die Nase gesteckt,soll diese Baumwolle dann ein gutes Mittel gegen Kopfschmerz und Schnupfen sein.An den Wurzeln der Pflanze hängen längliche Knollen (Cametes, daher der Name),welche ein sehr heftiges Gift enthalten, das hauptsächlich das Gehirn angreift. Die Be-