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ihr oft gesprochen hat. Ich schreibe Ihnen dies, weit ich weiß, daß solche Einzeln--f heilen den Angehörigen wohl thun.
Am Borabend ihres Todes stellte ste an mich noch die Bitte, ihre Leiche nachBasse-Terre zu bringen. „Ich möchte in meiner Heimath ruhen/ sagte sie. Ichversprach es feierlich und habe auch Wort gehalten. Bei meiner Ankunft ließ ichdie Freunde der jungen Dame kommen, und übergab ihnen die Leiche.
Ich bin fest überzeugt, daß die arme Frau an einem großen Kummer gestorben^ ist; doch Sie kennen ohne Zweifel ihre Verhältnisse näher und ich bedarf dessen, .
um gewiß zu sein, daß sie ein besseres Loos verdient hätte. — Empfangen Sie,mein Herr, bei dieser Gelegenheit die Versicherung wahrer Hochachtung, womitich bin Ihr
ergebenster Borschel, Capitän.
Sobald Herr Beauprö den Brief gelesen, eilte er damit auf's Schloß. Er trafda Pauline und den kleinen Georg, dem sie ein Mährchen erzählte. Eine Zeit langbetrachtete er Beide schweigend, als Pauline seine ungewöhnliche Blässe bemerkend, ihnum die Ursache fragte. „Schenken Sie dem Kinde Ihre ganze Liebe, denn seine rechteMutter ist todt/ sagte Herr Beaupre bewegt.
Die junge Frau stieß einen Schrei schmerzlicher Ueberraschung aus, bald abernahmen ihre Gedanken eine andere Richtung. „Also kann Georg wieder kommen,* —rief sie.
„Pauline," sagte der Greis strenge, „ist es möglich, daß Ihr erster Gedanke berdem Tod des Opfers die Rückkehr seines Mörders ist?"
Pauline erröthete und verbarg ihre Beschämung und ihre Thränen, indem sie dasGesicht an den Kopf des Kindes lehnte.
„Warum machen Sie die gute Mama weinen," sagte der Knabe zornig, „sie sollnicht weinen."
Dann suchte er sie mit seinen Liebkosungen zu trösten. Dieser Auftritt erinnerte^ Herrn Beauprv an die Worte der Creolin: „Sie wird die Liebe meines Kindes besitzen,wie sie mich schon aus dem Herzen meines Gemahls verdrängt hat."
Ein Jahr später war große Freude im Schloß Vericourt, der Graf wurde nochfür den Abend erwartet; sein letzter Brief, von einem Grenzstädtchen datirt, schloß also:„Am 17ten bin ich bei Euch, kaum fasse ich mein Glück und begreife nicht, wie Gott eSmir gewähren konnte."
Der Tag schien Paulinen und der Gräfin endlos. Ihr ungeduldiges Warten ver-wandelte sich in schmerzliche Besorgniß, als sie den Pfarrer allein kommen sahen. Sosehr sie sich sonst seiner Ankunft freuten, dießmal erfüllte bange Ahnung ihr Herz, undblaß und angstvoll riefen Beide zugleich.
„Mein Sohn?"
„Wo ist Georg?"
Herr Beauprs sah mit Thränen im Auge zum Himmel und indem er die Handdes Knaben ergriff, sagte er: „Er nur wird ferner auf diese» Namen hören."
Nur mehr wenige Stunden von Vericourt wurden die Pferde scheu, und der Post-wagen stürzte über einen Abhang. Tödtlich verwundet, wollte der Graf noch zu seinerMutter gebracht werden, aber er starb in Digne in den Armen des greifen Pfarrers,der seine Seele der himmlischen Barmherzigkeit empfahl.
Wir versuchen es nicht, den Schmerz der beiden Frauen über Georg's plötzlichenTod zu schildern. Wenn Gott ihn den irdischen Freuden, die er jetzt erhoffte, entrückthat, so war es wohl, weil sein Verbrechen nicht hinlänglich gesühnt war.