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Den Hilfs - Comites in Deutschland , welche zusammengetreten sind, um die Nothin Ostpreußen zu lindern, hat das Provinzial-Comits in Königsberg seinen ersten Rechen-schaftsbericht über seine Wirksamkeit zugehen lasten. Wir finden darin, daß sich die mild-thätige Hand in allen Theilen unseres deutschen Vaterlandes aufgethan hat und zurgroßen Freude gereicht es, daß gerade aus unserem Bayern eine große Anzahl vonGaben verzeichnet ist. Aus dem Berichte ergibt sich die beruhigende Versicherung, daßdiese Gaben auch die ganz zweckentsprechende Verwendung sinken. Man sucht durchVerschaffung von Arbeit für Arbeitsfähige und Hingabe von Speisen und Lebensmittelnan Arbeitsunfähige der Noth vorzubeugen oder zu steuern. Die aus den verschiedenenVereinen Deutschlands zugehenden Beiträge werden möglichst dorthin dirigirt, wo es ammeisten Noth thut. Darunter steht in erster Reihe das Dorf Rudau.
Dieses an und für sich arme Dorf bildet ausnahmsweise ein Ablagerungs-Depotfür die von den umliegenden Gütern nach der Erndtezeit entlassenen, größtentheils halb-invaliden Jnstleute, Taglöhner, die sich dortselbst eine Wohnung, und nach Möglichkeitals gewöhnliche Arbeiter Beschäftigung suchen. Bei diesen herrscht schon seit Beginn desWinters ein totaler Mangel an Brennmaterial und Lebensrnitteln, die Leute, besondersdie Frauen, sind gezwungen, mit den Kindern von Haus zu Haus betteln zu gehen, umnicht Hungers zu sterben, sie sind gezwungen. Holz zu stehlen, um nicht zu erfrieren. —
Der arbeitsfähige Arbeiter kann bei der hohen Schncelage und der kurzen Tageszeitkaum so viel verdienen, daß er sich selbst arbeitsfähig erhalte, für die Existenz von Frauund Kind kann er schon gar nicht sorgen. Auf's Schwerste ist von dem allgemeinen
Nothstände auch die Stadt Wehlau betroffen. Vierhundert Familien mit fast tausend
Köpfen sind dort von den nothwendigsten Lebensmitteln entblößt. Die wohlhabenderenEinwohner der Stadt suchen zwar nach Kräften der Noth zu steuern, allein alles dasreicht nicht anS, um den Hunger der Armen zu stillen, es ist nur ein Tropfen, der aufeinen heißen Stein fällt. Man braucht Arbeits-Material, namentlich Flachs, Wolle rc., ».
um selbe den Hunderten von Frauen, die solche begehren, zu schaffen und eine feste ge-heizte Arbeitsstätte einzurichten, man braucht Viktualien und Geld zur Errichtung einerSuppenanstalt. Ebenso hilfebedürftig ist die Gemeinde Ruß. Sie erlitt im Junivorigen Jahres eine vierfache Ucberschwcmmung; die Leute dort, meist kleine Grundbesitzer,
Schiffer und Losleute sind ganz erbärmlich daran, den ersteren ist das Heu fortgeschwemmt,aus dessen Verkauf sie das nöthige Getreide hätten kaufen können, den Schiffern man-gelte es in dem verflossenen Jahre an den nöthigen Frachten, um das Erforderliche zum
Unterhalte ihrer Familien während des Winters zu erwerben. Der Fischfang ist über-
haupt in den letzten Jahren nicht lohnend gewesen und die Losleute, denen sonst derHolzhandel reichlichen Verdienst gab, haben für den Winter nichts ersparen können, dader Holzhandel im letzten Jahre ein sehr beschränkter war, der größere Theil derselbenist brodlos und wenn sich einer bei den Chausseebautcn wirklich etwas verdient, so kanner sich damit wohl selbst ernähren, aber bei der herrschenden Theuerung für Weib undKind nur sehr wenig erübrigen. Dazu kommt noch, daß eine Menge von Knechten undMägden brodlos geworden. Ueberall die schreiendste Noth und Mittellosigkeit der Ge-meinden, derselben zu steuern. Schaaren von Kindern ziehen in dem kläglichsten Zustandehungernd und bettelnd müher. Die übermittelten Gaben werden dort zunächst zur Ein-richtung von Suppenanstalten verwendet, damit die dürftigen Kinder dort zu essen be-kommen und nicht mehr vom Hunger zum Bettel gezwungen sind. Mit diesem gras-sirenden Nothstände steht die herrschende Typhus -Epidemie im Zusammenhang. Viele ^Arbeiter, die im Herbste an der Südbahn gearbeitet haben und jetzt brodlos herumirren,sind von dieser Krankheit heimgesucht und tritt dieselbe bei diesen kümmerlich genährtenund entkräftigten Leuten intensiver auf. Es ist dringend geboten, daß für Aufnahmeund Verpflegung solcher unglücklicher Arbeiter, welche Verdienst suchend, auf der Reise am