Ausgabe 
28 (23.2.1868) 8
 
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^ Typhus erkrankten und nach einer größeren Krankenanstalt nicht mehr übergesiedelt wer-de« können, Sorge getragen werde! Im Städtchen Darkehmen steigerte sich die Nothschon im November dermaßen, daß die Aerzte dem Hungertyphus entgegen zu arbeitenmahnten, dem auch wirklich zwei Opfer unbestreitbar erlegen sind. Die dortige Gegendgehört sonst zu den fruchtbaren, aber die Kartoffeln sind meist ertränkt und verfault, daSGetreide ist bei fortwährendem Regen nicht gereift und die meisten Einwohner sind^ Handwerker, meist mit großen Familien. Es wurden dort von 430 Unterstützungs-Bedürftigen die 60 Aermsten herausgegriffen, von denen aber nur täglich die Hälfte mit30 an einem Tage gespeist werden konnte und die andere Hälfte auf Ueberhungern biszum nächsten Tage gewiesen werden mußte. Eine schreckliche Noth herrscht im KreiseLabian, es sind zur Zeit 16,000 Menschen dort, die der Hilfe bedürfen! Um dasMaß des Unglücks zum Ucberströmen zu bringen, hat der grimmigste Feind des Vor-jahres, das Hochwaffer, sich wieder eingestellt. Der Winter mit seiuer beispiellosenStrenge, seiner Kälte von 25 Grad, hatte wenigstens noch das Gute, die Communi-kation auf dem Eise der Gräben, Kanäle und überstauten Wiesen zu ermöglichen, so daßauch noch die entferntesten Niederlagen mit Lebensmetteln versorgt werden konnten, dennes muß Jedes und Alles hingeschafft werden, gebaut ist absolut Nichts in jenenGegenden.

Da trat plötzlich Thauwetter ein und daS Wasser stieg in einer Nacht um 6 bis7 Fuß. Mitten im Januar mußte abermals der schlechtverwahrte, unheizbare, zugigeBoden die Zufluchtsstätte der Menschen werden > und zugleich bedeckte sich bei dem so-fort wieder eintretenden Frost die unabsehbare Waffermaffe mit einer dünnen Eiskruste,nicht stark genug, um die Fortbewegung auf ihr zu gestatten, zu stark, um das Fahrenmit Booten zu ermöglichen, so daß alle Communikation vollständig unterbrochen war.Von Labian aus übersieht man ein unendliches Eismeer, mit den daraus hervorragen-den Häusern: aber hinten, in der meilenweitcn Ferne, wohin das Auge nicht reicht und. leider auch nicht die helfende Hand, sondern nur der schaudernde Gedanke, da harrenTausende von Menschen, hungernd, frierend im hoffnungslosen Kampfe mit den Elemen-ten. ..." So berichtet ein vom Provinzial-ComitS nach jenem Kreise gesandter Ver-trauensmann und aus einem Briefe eines jungen Geistlichen in Lithauen entnehmen wirfolgende entsetzliche Schilderung: Der Hungertyphus ist bereits da, am Sonntag habeich Typhuskranke besucht, um ihnen das heilige Abendmahl zu geben. Solche Jammer-gestalten habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Schon die Stube war entsetzlich, der Fußboden aufgeweicht Du kennst es die Wände naß und schwarz wie einSchornstein, im ganzen Raum ein Tisch, ein Schaff voll Schmutz und Staub, emRocken, eine Ofenbank und ein Bett in einer Ecke. Auf dem letzteren krümmte sich eineJammergestalt, das leibhaftige Bild des Todes. Das einzige Stück Bett war das Kopf-kiffen, sonst nur Stroh und Lumpen, durch welche die spitzen Knochen durchschienen; dasAuge halb gebrochen, die Lippen vermochten die Zähne nicht zu bedecken.Aus tieferNoth schrei ich zu Dir," wimmerte der Kranke mit Geisterstimme nach. Es war einegrauenhafte Scene, dazu angethan, Zeitlebens einem im Gedächtniß zu bleiben. Ichfragte die schmierige Mutter nach ihren Kindern,da sind sie" antwortete sie, auf denOfen zeigend, ich konnte jedoch nichts entdecken und fragte noch einmal. Da fing's sichauf das Rufen der Mutter hinter dem Ofen und in der zum Kochen eingerichteten Röhrean zu regen; zwei Jungen krochen hervor, einer uothdürftig mit einem Hemde bedeckt,halb lebendig, der andere halb bekleidet, zerlumpt und beide schwarz wie die Neger. . . .

Solchen Thatsachen gegenüber wird sich die menschenfreundliche Gesinnung, die sichbisher in Bayern für unsere unglücklichen Brüder im Norden bekundet hat, auch ferner-hin gewiß nicht verschließen und wir geben uns der Hoffnung hin, daß die Summe desbisher Gegebenen in kurzer Zeit sich verdoppeln möge. Wir sagen:in kurzer Zeit!"denn wer schnell hilft, hilft zwei Mal.