Nr. S
1. März 1868.
Augsburger
Wie die immer wieder angeblasene Kohle endlich zur Asche verglüht, also verglüht auchdas Gefühl der Zucht in der zu lang oder zu oft ausgehaltenen Gluth deS SchamrölhenS.
Nacht und Nebel
(Aus dem Leben eines Schiffskapitäns.)
Von Heinrich v. Litirow.
Die See ging hohl. Die Brigg Aretusa, ein starker Kauffahrer unter österreichi-scher Flagge, kämpfte in einer Dezembernacht mit wenigen Segeln gegen die Wuth der
erzürnten Elemente. Der Wachhabende stand auf der Commandotreppe am Hintertheil,in seinen Mantel gehüllt und starrte in die dunkle Nacht, deren tiefe Finsterniß nur zu-weilen von einem Blitze der phosphoreszirenden Wellen erleuchtet war. Ein feuchterkalter Wind aus Südost, der schon zwei Tage gewüthet hatte, heulte in ungleichen
Stößen durch's Takelwerk und peitschte den Schaum der am Schiffe zerschellenden Wogen
hoch über Deck. Todtenstille herrschte an Bord und nur das Gekrach der Masten unddes Steuerruders unterbrach zuweilen das eintönige Gemurmcl des tosenden Meeres. —Ein dichter Nebel hatte seinen Schleier über die Masten gelegt, so daß man kaum dasLicht wahrnehmen konnte, das die Laterne am Bugsprit spärlich verbreitete. Der Steuer-mann in seiner Jacke mit Kapuze lehnte an den Specken des Steuerruders; sein Augeblickte unverrückt auf die Compaßscheibe am Wachhause, dessen Fenster von der innerenWärme angelaufen, er zuweilen mit dem Acrmel seiner Jacke wieder klarer zumachen suchte.
„Wie viel Uhr ist's?" fragte endlich der Wachhabende auf der Treppe, ohne seinAntlitz auch nur für einen Moment einwärts zu biegen.
„Fünf Minuten fehlen auf vier Uhr, Herr Wullicr," antwortete der Steuermann,nachdem er sich gebückt und auf die Sanduhr gesehen hatte, die unter der Welle desRades vor Wind und Wetter gesichert stand.
„Noch drei Stunden Nacht," seufzte der Offizier, „und gar kein Anschein, daß sichdas Wetter ändern will, bevor es Tag wird. Wenn wir nur schon aus diesem lang-weiligen Gewässer wären, im Kanal von Nhodus finden wir sicher guten Wind."
„Ich habe es gestern dem Herrn Kapitän prophezeit," meinte der Steuermann, —„als wir an der Rhede von Kos so gleichgültig vorübersegclten, und er zuversichtlich aufguten Wind hoffte. Wären wir dort nicht besser und ruhiger vor Anker als hier unterSegel, ohne einen Faden zu gewinnen? Und noch dazu mit der Angst, auf so einengriechischen Kammerdiener zu stoßen, der uns von Kopf bis zu Fuß entkleidet. Michwundert's, daß wir noch keinen zu Gesicht bekommen haben, sonst sind sie hier zu Hause— aber wahrscheinlich war das Wetter auch ihnen zu scharf, um aus ihren Höhlen zukriechen. Zu meiner Zeit —"
„Ist Jedermann wach am Verdeck?" rief jetzt der Wachhabende, ohne weiter demGeplauder des Steuermanns Aufmerksamkeit zu schenken. — „Jedermann wach," ertöntees zurück von drei verschiedenen Stimmen der drei Posten, die an den beiden Bordseitenund am Bug aufgestellt waren, um Alles zu beobachten, was in der See bemerktwerden konnte.