Ausgabe 
28 (1.3.1868) 9
 
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Und tiefe Stille folgte wieder für geraume Zeit; der Wind ließ allmählig nach,die Nebelhülle lichtete sich und eben war man im Begriffe, die Neffen loszubinden, dieman Abends vorher genommen hatte, und die Bramsegel aufzuhissen, als Wullier aufseiner Treppe sich plötzlich bewegte, starr seine Augen gegen den Vordertheil richtete, end-lich seinen Mantel abwarf und von der Treppe hinab gegen vorwärts im Schiffe eilte.

Augen aufgemacht und nicht geschlafen!" rief er dem wachhabenden Matrosen amSteucrborde zu, indem er ihn zugleich so derb auf die Schulter schlug, daß dieser un-willkürlich mit der Hand nach der so unsanft berührten Stelle fuhr.

Ich schlafe nicht, Herr, aber luvwärts gibt's nichts Neues "

So?" fragte Wullier ironisch, indem er ihn am Ohre nahm.Was istdenn das dort? Vielleicht ein Wirthshaus, von dem Du träumst! Nun, kommt'sDir noch nicht vor, wie ein Schiff?" Und indem er ihn wieder am Ohre zerrte,siehst Du noch nicht klarer, blinde Nekrutenseele? Und der andere Schurke am Vorder-theile hat auch nichts gesehen! Ich muß für Euch auch gucken, nicht wahr? Und Ihrsteckt Eure Augen in die Taschen, damit sie Euch vor Schlaf nicht in's Wasser fallen?"

Bei den letzten Worten dieser Anrede war er schon am Vorderkastcll und gab seinenWorten noch mehr Nachdruck durch die Faust, die bald da, bald dort niederfiel, und die,wie er oft selbst in seiner Gutmüthigkcit zu sagen pflegte, die Unterscheidungszeichen seinerNcde schreibe, um dadurch den Matrosen den tiefen Sinn derselben klarer zu machen.Ich will Euch schon dem Kapitän empfehlen," fuhr er fort,wenn er aufs Verdeckkommt; einstweilen marsch hinauf Beide in den Maslkorb, und wenn Ihr dort auchschlaft, so bleibt mir wenigstens der Trost, daß Ihr über Bord stürzt und ich Euch aufeine gute Art los werde."

Die BriggAretusa" war ein wohlbemanntes, auf dalmatinischer Wcrfte gebautesSchiff, aber immer ein Kauffahrcr. Diese mögen noch so gut bemannt sein, so verläßtsie, wenn sie allein segeln, ohne daß ein Kriegsschiff sie begleitet, dennoch nie die Furchtvor den Piraten. Die Mündung im Norden des Kanals von Nhodus, bekannt wegenseiner Ungcwitter, war zugleich wegen Sccräuberei eine der gefährlichsten Stellen desinsclrcichen Archipel, und bildete vor wenigen Jahren noch ganz die Scylla und CharybdiSder armen Kauffahrcr, die kaum der mühevollen Fahrt zwischen den zahlreichen Inselnder Cykladen und Sporaden entgangen, hier wieder neue Beweggründe finden, besorgtzu sein, und mit Sehnsucht nach der offenen See jenseits Nhodus blickten, wo ihreSchifffahrt weniger gefahrvoll war und in jeder Beziehung ruhig sich bis an die Küstevon Alcxandrien erstreckte. In solchen Momenten der begründeten Angst vor den starkbemannten unternehmenden Piratcnschisfen war für die Seeleute eine Inselgruppe undWindstille das, was zu Land in unsicheren Gegenden dem Reisenden ein Wald und einesternlose finstere Nacht ist.

Die Windstille gab den Seeräubern die Sicherheit, daß ihre Beute nicht entfliehenkonnte; die Fclfengruppe war ihr Versteck, hinter dem sie, aller Buchten und Höfen kun-dig, lauerten, angriffen und verschwanden, ohne eine Spur der Richtung ihrer Fluchtzurückzulassen. In den gefährlichsten Zeiten, die dem Hunmel sei es gedankt nunlängst vorüber, aber noch nicht vergessen sind, passirtcn also Kauffahrcr beinahe niejene Gegenden, ohne Bedeckung eines Kriegsschiffes, und wenn dennoch ein kühner Kapitänes wagte, sie allein zn durchsegeln, so wählte er hiezu immer günstigen, frischen Wind,oder vertraute der Kraft seines Schiffes im Kampf mit Wind und Wetter, denen langezu widerstehen die leichten Ruderbänke nicht geeignet waren.

Kapitän S . . ., der dieAretusa" kommandirte, war keineswegs ein Mann ohneMuth und ohne Kenntnisse zur See. Er hatte ersteren zu öftermalen schon lobcnswerthbewiesen, letztere sich auf seinen häufigen Reisen in fast allen Theilen der Welt erwor-ben. Aber wie dann der Matrose mit seiner reifsten Erfahrung dennoch Lehrling bliebbis an'S Ende seines Lebens, so hatte er sich auch diesmal geirrt und in der sicherm