Ausgabe 
28 (1.3.1868) 9
 
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Ueberzeugung eines Wetterwechsels eine Fahrt unternommen, die nur unter den günstig,stcn Umständen hätte gewagt werden sollen. Nun war man aber in Mitte der Unter-nehmung, der Weg zurück zu lang und so gefährlich, als jener vorwärts; das einzigeMittel war also das im Leben so oft wirksame Rezept: perlor 6t obelura dergroße Wahlspruch des Seefahrers, der ohne Vergleich mehr als jeder andere ErdenpilgerGelegenheit hat, die tiefe Wahrheit und die praktische Gediegenheit dieser sinnreichen Wortezu prüfen, die auf eines jeden Schiffes Wimpel in goldenen Lettern als Wahlspruchdes Handwerkes glänzen sollten. llerlsr ot obäuru ertrage und halte aus!

Kapitän S . . . kannte diese Worte auch, tröstete sich aber immer bei deren An-wendung auf's Leben mit Wullier'S guter Gesellschaft, der, seit Jahren sein guter Reise-gefährte, ihm oft mit seiner Seelenruhe und seinen guten Einfällen an die Hand gegan-gen war, gut und anspruchlos sein Scherflein beitrug, und damit oft zum besten AuS-gang führte.

Die Lage, in der man sich befand, war aber schon am Abende vorher nicht dirangenehmste gewesen: der Betrug des Wetters, auf das man sich verlosten hatte, wardeutlich ausgesprochen, die Unsicherheit der Gegend bekannt und große Wahrscheinlichkeitvorhanden, daß mit diesem Südostwinde die Piratenschiffe gegen Norden ziehen würden,und somit ein Begegnen fast unvermeidlich sein dürfte, aber nichts desto weniger gingder Kapitän ruhig zu Bette. Er wußte ja, daß Wullier die Nachtwache habe und dawar sein Schlummer ungestört. Wullier hatte Vollmacht zu thun, was er für gut hielt.Wullier wechselte Stcuercours, so oft es ihm beliebte. Wullier setzte Segel aus, ließSegel reffen oder bergen, ohne es zu melden, mit einem Worte: Wullier that, waS

er wollte, weil Kapitän S . . . die Erfahrung gemacht hatte, daß Alles, WaS Jener

thun wollte, zum gesellschaftlichen Besten geschah. Diese hohe, gegründete Meinung dcSKapitän war natürlich bald auf die Mannschaft übergegangen. Das sämmtliche Schiffs»Volk wußte bald, wen es an Wullier besaß; der Name Wullier, sein abgekürzter Zunamemit dem ihn der Kapitän freundschaftlich zu tituliren Pflegte, war bald vorn Steuermannbis zum Schiffsjungen bekannt und Alles hieß ihn Herrn Wullier.

Niemand beurtheilt den Seemann oder Marine-Offizier besser, als der Matrose,der unter seinen Befehlen arbeiten muß. Wie die Pferde in der Regel gleich beim erstenDruck des Schenkels, bei der leisesten Bewegung des Zügels ihren Reiter kennen, sich

füge» und gehorchen, oder eigensinnig und stutzig werden, so kennt der gemeine Matrose

in den ersten Wochen seinen Offizier, und beurtheilt seinen Herrn am richtigsten aus derArt und Weise, mit der er von ihm geleitet wird. Zweckloses, ängstliches Manövriren,das den armen Matrosen ermüdet, ohne irgend einen Vortheil zu gewähren, erzeugtKleingeisterei, die endlich aus Mangel an Geistesgegenwart in entscheidenden Momentendoch wieder der Erfahrung der Mannschaft, ihrer Uebung vertraut und so den Zügelschießen lasten muß, wo der Führer am unentbehrlichsten, am nothwendigsten wäre.

Die Stunden, in denen Wullier die Wache hatte, waren Stunden der Lust für dieMannschaft, und oft schon hatte es sich ereignet, daß kleine Streitigkeiten zwischen denbeiden Wachabtheilungen entstanden, weil jede mit ihm die Stunden seiner Wache zu-bringen wollte. Wullier war nachsichtig und mild, dort wo Nachsicht und Milde vonden Umständen gestattet werden durfte; dafür verlangte er den strengsten Dienst, diegrößte Wachsamkeit in Augenblicken der Gefahr und ließ sich bei entdeckter Nachlässigkeit,wie eben in der heutigen Nacht, nicht selten verleiten, mit den Schuldigen derb, ja hand-greiflich zu verfahren. So unerlaubt diese Handlungsweise war, so wurde sie meistensnur den Anfängern im Dienst zu Theil, und die persönliche Kränkung, die das Indi-viduum dadurch erlitt, war durch das Andenken an so manche andere Beweise von Hcv-zensgüte, die Wullier ihnen zukommen ließ, wieder gemildert und vergessen.

(Fortsetzung folgt.)