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„Soll ich um einige Striche abfallen vom Steucrcnrs?" fragte ängstlich derSteuermann, „damit wir Zeit gewinnen und den Herrn Kapitän wecken können?" Undschon griff seine Hand nach der andern Spaten, um die Ruderpinne luvwärts zu stellenund so den Segeln volleren Wind zu geben.
„Was füllt Dir denn ein, Hasenfuß!" rief Wullier erzürnt, „knapp am Wind undkeinen Vicrtclsstrich geändert! Die Schcbcke hat uns in jedem Falle gesehen, dort amBord schlafen die Ausluger nicht, wie bei uns, und wenn wir abfallen, zeigen wirFurcht und die Schcbcke nimmt dann auch viel Wind und ist uns auf dem Leibe."
„Sollen wir den Kapitän wecken?" fragte ein Anderer aus dem Schiffevolk.
„Laßt ihn schlafen," antwortete Wullier, „er ist müde und hat die halbe Nachtgewacht. Wir werden schon fertig werden; der Mond ist schwach und bevor es Tagwird, kann uns die Schcbcke nicht nahe kommen. Ruft mir einstweilen, ohne viel zuschreien, alle Mann von den Masten herab, hißt die Bramsegel nicht, auch das großeSegel laßt wie es ist und paßt auf jede Bewegung der Schcbcke, ob man uns gesehenhat und wie man dort steuert. Hier hcißt's schlau sein und den Kopf zwischen die Fäustenehmen, denn mit offener Gewalt richten wir nichts aus."
Schnell eilte er wieder an's Vordcrkastcll, nahm das Fernrohr zur Hand und rich-tete es auf die Schcbcke. „Noch scheint man uns nicht bemerkt zu haben, aber schonfängt der Morgen an zu dämmern," fuhr er fort, „der Nebel wird sich lüften. Gebtalso Acht auf meine Befehle! Sind alle Mann von den Masten herab?" Man bejahtedie Frage und er überzählte seine Mannschaft. „Ihr begebt Euch nun Alle unter Deck,verhaltet Euch rubig und weckt mir den Schlafenden nicht."
Erstaunt blickte einer den andern und Alle zusammen den Sprechenden an. Jetzt,wo die Gefahr von Augenblick zu Augenblick wuchs, wo in der nächsten Viertelstundeein Entern von Seite des Piraten zu fürchten war, jetzt sollte Alles thatenlos bleiben,den Bord-Offizier und den Steuermann allein an Bord lassen. „Thut, was ich Euchsage," unterbrach Wullier das Stillschweigen der Erstaunten, „sorgt Euch um Nichts,morgen sind wir am Pistupi vorüber und in Nhodus wehen österreichische Flaggen, dieuns Schutz für die weitere Reise geben werden."
„Und was soll denn mit mir geschehen, Herr," fragte der Steuermann besorgt umsein Schicksal. „Du steure knapp am Wind und sei unbesorgt. Du bekommst die leichtesteRolle in der Comvdic, die ich der griechischen Rüuberscele spielen will. Und nun marschunter Deck, das Schiff ist nahe und der Wind springt immer zurück, noch einmal sag'ich Euch, daß mir Keiner raufkriecht, ohne daß ich Euch rufe."
Ein leichtes Gcmurmcl ließ sich unter der Mannschaft hören, man gehorchte ohnezu begreifen warum, die Ruhe, mit der Wullier alles behandelte, das unbeschränkteVertrauen, das er sich bei so manchen Gelegenheiten durch sein besonnenes, kaltblütigesEntschließen und Ausführen zu verdienen gewußt, hatten auch dießmal blinden Gehorsamzur Folge, obwohl die Gefahr zu groß, zu augenscheinlich war, als daß auch nur Etnervon Allen den Rettungsplan zu ahnen im Stande gewesen wäre, den Wullier dennochrein und unfehlbar vor Augen zu haben schien.
Der Letzte war durch die große Lücke kopfschüttelnd hinabgekrochen und brachte indie unter Deck versammelte Mannschaft noch die Nachricht, daß Wullier vom Steuer-mann noch das große Svrachrohr verlangte; aber auch diese Nachricht verbreitete nochkein Licht über die mystische Handlungsweise Wulliers. „Was will er mit dem Sprach-rohr?" meinte einer, der durch's Hinabkricchcn der Ucbrigen in seinem Schlummer gestört,über der Nachricht von der schwarzen Schcbcke aus seiner Hängematte gesprungen war.„Will er die „ Aretusa" für ein „Kriegsschiff" ausgeben, und mit dem Piratenparlamentiren?"
„Gott weiß es," sagte ein Anderer, „wenn ich nicht schon seit neun Jahren mitihm eingeschifft wäre, so würde ich vielleicht an seiner Ehrlichkeit zweifeln und einen Vcr-