Ausgabe 
28 (8.3.1868) 10
 
Einzelbild herunterladen

76

rath wittern; aber Wullier uns verrathen, und noch dazu den Griechen, die er schon seitseiner Jugend haßt, weit sein Vater in ihren Händen umgekommen ist!"

Alles wurde still und horchte, um zu vernehmen, was sich auf dem Verdecke zutrug.Uutcrdcß hatte sich Wullier selbst an's Steuerruder gestellt und dem Steuermann denAuftrag ertheilt, sich wie todt luvwärts auf s Verdeck zu legen.

Der Tag brach allmählig an, das Näubcrschiff war deutlich zu sehen und Wulliersteuerte knapp am Winde ihm gerade entgegen. Die Unordnung im Tackclwcrk derBrigg, die flatternden, halb aufgehißten, halb niedergeholten Segel fielen jenem beimersten Blick auf und der erste Schuß vom Pnateuschiff, dessen Kugel, obschon matt wegender allzugroßen Entfernung in die Küche neben dem Fockmast fiel, streute alle Gattungenvon Hausgeräthschaftcn auf dem Verdeck umher, und gab dem Ganzen einen noch grö-ßeren Anstrich von Verwirrung und Nachlässigkeit. Wullier steuerte nach dem Schusseunmittelbar, soweit es seine Segeln, die nicht gebraßt werden konnten, erlaubten, auf dieSchcbcke los, an deren Vordcrkastcll sich eine Menge Volk mit rothen Mützen undschnurrbärtigen Gesichtern versammelt hatte, das, über die Art des Manövers verwun-dert, neugierig diesem Näherkommen entgegensah.

So standen endlich die beiden Schiffe auf Flintenschuß Entfernung neben einander,da verließ Wullier las Steuerruder und eilte anf's Hintcrkastcll der Brigg, ergriff dasSprachrohr und schrie mit zitternder Stimme auf's Verdeck der Schcbeke herüber:Gott segne Eure Ankunft, Ihr kommt, um mich zu retten, der Himmel hat Euch gesendet,seht Euch mein Schiff an und erbarmet Euch. Neunzehn Tage schon irre ich in der Seeherum und bin der einzige Lebendige auf der ganzen Brigg; von vierundzwanzig Mann,die wir in Allem waren, bin ich der Letzte, der vor einer Stunde Jenen dort indemer auf den Steuermann zeigte sterben sah. Alle Uebrigen hat die Pest dahingerafft,in fünf Tagen dreiundzwanzig Mann; die Cadaver liegen theilweise noch an Bord.Ich konnte in den letzten stürmischen Tagen das Steuer nicht verlassen und verlebte mitdieser Verwirrung im Scgelwerk zwei schreckliche Nächte. Erbarmt Euch, gute Leute,werft ein Tau aus und nehmt mich zu Euch an Bord, wir können die Brigg dann iu'sSchlepptau nehmen, nur rettet mich, denn ich fühle es, daß ich auch dem Tode nahe binund hier allein elendig verschmachten werde."

Unterdessen war man sich vollkommen nahe gekommen und so weit es die Umgebungerlaubte, betrachteten Alle von der Schebeke die menschenleere Brigg, die mit ihrem ver-wirrten Manöver wirklich das getreue Bild einer Pestverwirrung vorstellte. Wullier hattesich bei den letzten Worten seiner Erzählung auf die Knie geworfen, das Sprachrohr warseinen Händen entfallen und seine Kniee zitterten vor Kälte. Noch war keine Antwortvon Seite der Schcbeke erfolgt. Wullier sah die Menschenmasse unter sich reden, baldauf die Segel der Brigg, bald auf den vermeintlichen Kadaver deutend, den Einige aufdem Verdeck bemerkt hatten; der Piratenhauptling, ein langer, hagerer Mann mit mar-tialischem von der Sonne verbranntem Gesichte und kleinen, fcuersprühenden Augen, stiegselbst die ersten Wcbelslinien der Wanten seiner Schcbeke hinauf, um sich von dem Zu-stande des Kauffahrers und der Wahrscheinlichkeit der Erzählung zu überzeugen, blickteine Weile hinüber, kroch endlich kopfschüttelnd wieder herab und besprach sich mit denUebrigen. Wullier stöhnte einstweilen wieder durch's Sprachrohr seine Beschwörung umBarmherzigkeit und Rettung aus dem verpesteten Schiff und der Sicuermann, der dieRolle des Todten übernommen hatte, fühlte trotz der kühlen Morgenluft große Schweiß-tropfen über seine Stirne rollen, so daß ihm der Gedanke, er sei wirklich pestkrank, nichtmehr ganz fremd war. Das Schiff gegen die Planken des Verdeckes gekehrt, wagte eres kaum, Athem zu holen, und seine Glieder blieben steif und unbeweglich, als ob wirk-lich der kalte Tod sie schon versteinert hätte.

Endlich schien man auf der Schcbcke zu einem Beschluß gekommen zu sein.SetzeDeine großen Segel in Gci und beschlage die Marscgel so gut Du kannst," ertönte des