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Nacht und Nebel
(Schluß.)
Die Brise war schwach, das Meer noch immer etwas bewegt, aber die heiter auf-gehende Sonne versprach einen heiteren Muttertag.
Wullier hatte indeß mit dem Kapitän durch die Kajütenluckc gesprochen. AnS de«Steucrkurs der Schebeke war zu entnehmen, daß sie nach Kap Cato zu segeln im Sinnehabe, welches auch bei günstigem Winde vor Nacht zu erreichen nicht möglich war.
„Ich danke Euch, lieber Wullier, für den guten Gedanken, den Euch der Himmeleingegeben hat," flüsterte der Kapitän aus seiner Kajüte, „nur stehe er uns noch fernermit seinem Schutze bei, um ihn zu Ende zu führen, obwohl ich nicht recht begreife»kann, wie das Ganze ausgehen wird."
„Sorgt Euch nicht," cntgcgncte Wullier, „in Nordwest steigen Wolken auf, dieNacht wird finster werden und uns günstigen Wind bringen, dann kappen wir da<Schlepptau und vor dem Wind mit hoher See segelt die „Aretusa" wie ein Delfin. —Aber horch! man brüllt schon wieder etwas durch's Sprachrohr, bleibt ruhig, ich willhören, was es gibt."
Wullier eilte an den Bugsprit, um die Befehle des Piraten zu vernehmen. „Wirfden Cadaver, den Du noch auf dem Schisse hast, über Bord, wie auch alle Betten,Hängematten und Effekten der übrigen Verstorbenen!" ertönte es aus dem Sprachrohrdes Piraten.
Die Pantomime der Bejahung von Seite Wullier's war mit einigen Zuckungen deSarmen Steuermannes verbunden, der den SchrcckenSbefchl vernommen hatte und sich schoneine Beute des Todes glaubte. Ich soll also in's Meer, dachte er bei sich, bloß ui»meine Todtcnrolle recht natürlich zu spielen? Schon war er im Begriffe, sich auf dieBeine zu machen und durch sein Aufstehen Alles zu verrathen, als Wullier zu ihm hin-trat, sich in seiner Nähe etwas zu thun machte und ihn beschwor, sich ruhig zu verhal-ten. „Ruhig/ murmelte Jener in die Planken des Verdeckes hinein, „ruhig? wenn Siemich über Bord werfen wollen? Sagen Sie dem Piraten, daß ich sterbend, aber nochnicht todt sei — da Sie keinen Mord begehen wollen — oder werfen Sie einen Ander»über Bord, einen der wenigstens unpäßlich ist, aber mich nicht, so frisch und gesund."
„Sei unbesorgt," erwiderte Wullier, der trotz seiner kritischen Lage sich des Lachensnicht enthalten konnte. „Das Schicksal Aller ist nun in Deiner Hand, Du kannst Alle-durch Deinen Mangel an Muth verderben. Ich gebe Dir ein Tau um den Leib, bindeein Ende an die Gallerie des HinterverdeckeS und kaum bist Du in die See geworfen,so ziehst Du Dich unter den Spiegel, klammerst Dich unter dem Heckbalkcn fest undkriechst bei der Hinteren Lugpforte wieder herein. Von der Schebeke aus kann Dich Nie-mand sehen, da Du durch das Schiff gedeckt bist. Wir segeln kaum zwei Knoten, undsomit hast Du auch von der Schnelligkeit des Schiffes nichts zu fürchten. Bist Dunun einverstanden?"
„Nun, wenn es sein muß, so will ich mich in des Himmels Namen darein fügen,"seufzte der Steuermann, „nur sorgen Sie für ein gesundes Tau und halten Sie e-kurz, sonst gehe ich zu tief beim Wurf."
Wullier kitte unter Deck, um einige Gcräthschaften, Kleider u. s. w. herauszubrin-gen, und sie im Angesicht des Piraten, der mit seinem Fernrohr beständig am Hintcr-thcil der Schebeke stand und auf die Brigg lugte, über Bord zu werfen. Die sämmt-lichen Effekten wurden neben und auf den Schcintodten geworfen und zugleich ein Strickgereicht, dessen Ende er sich, unter den aufgcthürmten Gcräthschaften verborgen, um de»Leib band. Wullier flößte seinen Leuten unter Deck noch Muth und Vertrauen eindurch die in Eile mitgetheilte Erzählung seines neuen Schnippchens, das er dem Piratenschlug und durch das er sich um so sicherer irre zu führen hoffte, als er damit seine
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