Ausgabe 
28 (15.3.1868) 11
 
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früheren Aussagen bestätigte, ließ die Hintere Lugpfortc öffnen, und eilte wieder geschäftigmit einigen Effekten beladen auf's Verdeck. Nun wurde das andere Ende des Strickes,den der Steuermann um den Leib hatte, am Hintcrtheil des Schiffes festgemacht, einStück nach dem andern über Bord geworfen und endlich der Leichnam des lebendigenTodten auf die Schultern geladen und gegen das Hintervcrdeck geschleppt.

Werfen Sie mich nicht an's Steuerruder oder an den Spiegel," flüsterte derPseudotodte,sonst schlag ich mir ein Loch in den Kopf, und wäre dann wirklich todtoder gezwungen, zu schreien" nun plump, fiel der wohlbeleibte Mann über Bord,tauchte eine Weile unter Wasser, kam aber bald wieder auf die Oberfläche, kroch an sei-nem Tau bis an's Schiff und schwang sich hier bei der Lugpforte wieder hinein.

Im unteren Schiffsraum empfing man ihn mit herzlichem Händedruck, reichte ihmein Glas Rum als niederschlagendes Getränk nach überstandener Todesangst und ließihn nun von seiner tragi-komischen Lage erzählen. Indeß war es Mittag gewordentrotz der allgemeinen Gemüthsbewegung stellte sich der gewöhnliche Seeappctit ein, derheute mit Zwieback allein gestillt werden mußte, da Niemand die Küche auf dem Verdeckbesorgen durfte. Wullier zählte die Stunden bis zu Sonnenuntergang, und freute sichüber die immer heraufziehenden Gewitterwolken in Nordwcst, auf denen er den Regen-bogen der Rettung zu sehen glaubte. Die ohnehin schwache Brise, die unter Tags ge-weht hatte, ließ gänzlich nach, um zwei Uhr Nachmittags war schon die Sonne hinterdichte Wolken getreten und über die See hatte sich eine vollkommene Windstille gelagert.Gänzliche Windstille in den Wintcrmonatcu ist in der See gewöhnlich der sichere Vor-bote eines Sturmes. Diese unnatürliche Ruhe der Luft, dazu die meist von vorherge-gangenen Stürmen noch bewegte hohle See, die am Horizont sich meist zu gleicher Zeiterhebenden Wolken, die von verschiedenen Winden getrieben, sich nach und nach zusammen-ziehen, um dann vereint alle unter den Befehlen eines ausgesprochenen Orkans zu mar-schiren Alles das gibt einer Windstille den widerlichen Anschein von Hinterlist undTücke, die auf den alten Matrosen selbst einen unangenehmen Eindruck hervorbringt.Die Elemente lauern gleichsam und sammeln Kräfte, um dann mit verdoppelter Wuthzu rasen und zu stürmen.

Die Piratcn-Schebeke bemannte die Ruder; durch die schwere Brigg im Schlepptauund durch die aus Nordwest fluthcnde See verhindert, bewegten sich aber beide Schiffekaum vorwärts. Wullier saß am Hintcrtheil seines Schiffes und blickte bald auf diesich immer und immer thürmendcn Wolken, bald auf die Sanduhr, bald auf die inlangen Wogen rollende See, die ihm so ganz den Anschein bot, als wolle sie denPiraten auf seiner Schebeke einwiegen, um während seines Schlafes die armen Seefahrerzu befreien. Kein Segel war an dem bereits im Dämmerlicht eingehüllten Horizont zuerspähen und die Todtenstille, die überall herrschte, schien Wullier geschaffen, um dieNettungspläne für die bevorstehende Nacht zu überdenken und alle möglichen Fällezu erwägen.

Wie geht's über Deck?" flüsterte jetzt aus der Kapitänlucke eine Stimme, dieWullier für jene des Kapitäns erkannte.

Windstille und hohle See aus Nordwest," antwortete Wullier, in seinen Rettungs-plänen gestört.

Was macht die Schebeke?" lispelte der Stcucrmcister.

Der geht's schlechter als uns," erwiderte Wullier,sie rudern sich zu Tode, ummorgen früh nichts zu sehen nicht einmal ein verpestetes Schiff. Haben Sieunsern Punkt genau auf der Karte?"

Sehr genau," antwortete der Kapitän,wir stehen fast in der Mitte zwischenNekro und Kap Korio."

Dann kommt Nordwest sehr erwünscht," meinte Wullier,und er wird uns sichernicht fehlen, verlassen Sie sich darauf; und haben wir einmal Sejenii uud Kap Aluopi.