Ausgabe 
28 (15.3.1868) 11
 
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passirt, so springt der Wind am Kanal von Rhodus nach West und wir sind geborgen.Sorgen Sie nur dafür, daß Jedermann wach bleibt heute Nacht, um bei der Hand zusein. wann's nöthig wird."

Das immer und immer zunehmende Dunkel der hereinbrechenden Nacht gestatteteauch mehr Freiheit am Bord des Kauffahrers, man kroch nach und nach auf'S Verdeck,theilte sich die verschiedenen Pläne mit, fügte gute Gedanken hinzu und freute sich überden Nebel der allmählig immer dichter und dichter sich niedersenkte, so daß man dieSchebeke nur etwa noch im Schattenriß erspähen konnte.

Höhe von der Brigg," tönte es wieder aus dem Sprachrohr des Priraten her-über. Wullier eilte vor, um das Zeichen der Aufmerksamkeit zu erwidern.

Zünde Deine Laterne am Bugsprit an und sorge, daß sie helle brenne," lauteteder Befehl.

Soll sogleich geschehen," lautete die Antwort Wulliers, ließ eine Laterne bringe»und befestigte sie unter dem Klüverbaum.

Das ist unangenehm," meinte der Kapitän,daß der Grieche auch daran gedachthat, nun wird er uns, wenn der Nebel nicht sehr dicht wird, nicht außer Auge laste»und jedes unser Manövers bemerken können."

Macht gar nichts," antwortete Wullier,lasten Sie eine zweite große Laterneam Hinterdeck bereiten, wenn wir das Schlepptau abgekappt haben, so lasten wir eineWeile hindurch das Vordere recht licht brennen; wenn wir dann so weit genug zurück-geblieben sein werden, wenden wir das Schiff, löschen die Laterne am Klüverbaum ausund hissen die andere auf der Gaffel beiläufig iu dieselbe Höhe, wie die erste, so wirder im Nebel unsern Spiegel für den Gallion halten, unser Licht auf der Gaffel für jenesam Bugsprit und glauben, daß wir noch im Schlepptau wären, wenn wir mit allenSegeln vor dem Winde nicht mehr eingeholt werden können."

Indeß war es Nacht geworden, die See aus Nordwest ging schon bedeutend hochund der Wind aus derselben Himmelsgegend wuchs von Stunde zu Stunde an Kraft.

Die Schebeke hatte Anfangs alle Segel ausgesetzt, um so knapp als möglich am Wind

zu steuern und sich luvwärts vom Kap Korio zu erhalten, aber der zunehmende frische

Wind, die bewegte See und die Brigg im Schlepptau zwangen die Piraten, ein Segel

nach dem andern zu streichen, so daß sie gegen neun Uhr Abends nur mit ganz ge-rafftem Marsegel und einem Nef im Topsegel mühsam vorwärts steuerten, dabeinoch stark im Abtrift verloren.

Ich wette, die Schebeke wird jetzt durch den Wind wenden," sagte Wullier, der

in der letzten Zeit das Vorderkastell der Brigg nicht mehr Verlusten hatte,warten wir

noch das Manöver ab und in der nächsten Stunde sind wir flott. Wirklich wand dieSchebeke, um nicht zu weit luvwärts getrieben zu werden. Während dieses Manöverskam die Brigg wieder mehr in die Nähe und der Pirat konnte sich überzeugen von derGenauigkeit, mit der man folgte. Als die Schebeke umgelegt und nun weiter segelte,wurde an's Schlepptau an Bord der Brigg ein anderes Tau angeknüpft, um sich soetwas entfernter vom Piraten zu halten und mit mehr Freiheit manövriren zu können.Wullier stellte seine Mannschaft an die Brassen, Fallen und Toppcnanz, die Ruderpinnewurde luvwärts gelegt und bei der ersten Seitenbewegnng der Brigg der Klüver stillaufgehißt. Nacht und Nebel begünstigten das Unternehmen, das, ohne eine Silbe zusprechen, zu Ende geführt wurde; die Brigg von den Wellen in die Flanken getrie-ben fiel schnell ab, und als sie das Hintertheil gegen die Schebeke gestellt hatten,wurden die Segel alle in Kreuz aufgehißt, in die Shottcn gehöhlt, die Laterne auf die

Gaffel gehißt und die Ruderpinne in die Mitte gestellt; der Wind stand in allen Segeln

und dieArebusa" theilte mit verjüngter Kraft die schäumenden Wogen. In wenigenAugenblicken waren die Letscgclsparren an Steuer und Backbord hinausgestoßen, undFlügeln ähnlich, blähten sich die Segel zu beiden Seiten und setzten die Brigg in eine