Ausgabe 
28 (22.3.1868) 12
 
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Nr. 1S.

22. März 1868.

Der Schöpfung ew'ger MittelpunktIst in des Menschen Herzen,

Aus welchem durch die Welten funkt

Ein Strahl von Lust und Schmerzen. ^ .

Rückcrt.

Eine Mntterthräne.

Der Mutter Bedürfniß ist es, ihre Kinder durch's ganze Leben so recht fest mitdem Mutterherzcn verbunden zu halten. Selbst wenn der Sohn an Lcibcsgröße derMutter über den Kopf gewachsen, für's Herzgefühl und die Zuthunlichkcit ist s gleich viel;«uch im spätern Leben sucht die Mutter ihr erwachsenes Kind zu besitzen, wie an seinemersten Lebenstag, wo sein Augenstern zum ersten Mal sich ihr erschlossen und Liebe zün-dend in ihr Herz geschienen. Die Mutter nämlich behält ihr Recht auf das Herz desKindes;es gehört mir," sagt sie und sie weist ein Document auf, woran kein AdvokatEtwas umwerfen kann: das Muttcrherz und drinnen die ticfgegrabcnc Flammenschriftder Mutterliebe. Nun kommt aber für den Jüngling eine Zeit, wo sein Pflichtgefühl,der Mutter zu gehören, nicht so stark ist, als der Mutter Rechtsanspruch, ihren Sohnzu besitzen. Es ist halt die Zeit, wo der Flaumbart sprießt, der Blick in die verlockendeWelt sich erweitert, wo es dem Menschen am elterlichen Herd zu enge und zu dumpfigwird und wo seine Füße unter den Tisch der Wohnstube so recht nicht mehr passenwollen. Da gibt's denn ein Hin- und Herncigen zwischen Sohnes- und Mutterherzcn,ein Anziehen und ein Abstoßen, Verstockung und Rcugefühl. Viel Harm wird gesät,manche Thräne geweint, mancher Vorsatz gemacht und gebrochen, mancher Ansatz zuscharfer Predigt von der Mutter probirt und doch vor überfließendem Wchgefühl aufhalbem Wege inne gehalten. Zuweilen auch sammelt und ballt sich der gesteigerte An-muth zu Hagelschauern zusammen und es prasselt nieder auf den Sohn in kaltenspitzen Worten; aber genutzt hat es Nichts, dagegen viel geschadet; denn aus falscherScham verstack sich der Sohn, weil er tief gekränkt worden. Da bedarj's denn mittenim Schmerze darüber, daß der Sohn sich vom Mutterherzcn losgerissen, der Klugheit,um den Riß nicht weiter zu machen; da bcdarf's aller Milde, und doch aller Gemessen-heit, alles Ernstes und doch aller Innigkeit im Muttergesühl, im Mutterblick und imMutterwort, um des Sohnes Herz, das in gefährlicher Schwankung sich bewegt, zuergreifen und wieder in seinem alten Schwerpunkt, der Gottes- und Mutterliebe, zu be-festigen. Ein ungeschickter Griff, ein mißlungener Plan, wodurch des Sohnes Wider-spruch gereizt wird, kann die Heilung für immer verderben, so daß die Flegelei sich ein-nistet, die Entfernung vom Vaterhausc zunimmt und die theure Menschensecle in fremderLeute Händen zu Grunde geht. Wie eine Mutter in so kritischem Zeitpunkte das Rechtegesunden, das will ich Dir in Kürze berichten. Es ist sicher passirt und noch nichtlange her, und ich erzähle es Dir, Mutter, nicht damit Du es gerade so nachmachst,denn das würde vielleicht fehlschlagen, zumal wenn Dein Sohn auch die Zeitung läse,sondern damit Du Dich darnach richtest, d. h. nach der Geschichte Sinn und Gehalt.

In einer großen Stadt am Niederrhcin ist ein großes Fabrikgeschäft. Der Eigen-thümer desselben, Rüdger Rasfgut, wäscht sich in Gold die Hände und erwirbt besten