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jeden Tag mehr. Nur einen einzigen Sohn hal er, der einst Geschäft und Fabrik erbenwird. Der heißt Emil. Der Vater ist nicht ungläubig, auch nicht unkirchlich; aber erweiß, daß er Geld hat und hält was d'rauf, fast mehr, als gut ist. Er ist halt wiemancher Mann vom Geschäft, der denkt: Haben ist besser, als Kriegen, und Kriegen istauch gut, wenn das Haben dadurch vermehrt wird. Seine Frau dagegen ist tief reli-giös und fromm; auch sie freut sich über'S Haben, denn sie weiß gut, wo sie ihre Er-sparnisse als Kapitalien für den Himmel anlegt; auf's Mehrkricgen ist sie gerate nichtsehr erpicht, weil sie genug hat. Der Emil mußt' mit dem fünfzehnten Jahre in'sGeschäft und Fabrikwcsen hinein. Der Alte Pflegte oft zu sagen: „Erstens muß cSvon Natur d'rin sitzen und zweitens muß es frühzeitig hineingebracht werden — derHandel, die Spekulation und das Geschäft, sonst gcht's heut zu Tage nicht." So wurdeder Emil denn gleich mit jungen Jahren in die Bücher, in die Kaste, in die Robstoffc,in die Ballen, in die Aktien hineingesteckt, und der Alte sagte nach kurzer Zeit, indemer sich froh die Hände rieb: „Gott sei Dank, — der Junge ist nicht aus der Art ge-schlagen". Emil war auf bestem Wege, ein junger perfekter und feiner Kaufmann zu
werden. Die Mutter hatte nur halben Spaß daran, sie hätte lieber was ganz Anderes
aus ihrem Kinde gemacht, zumal da es der Erst- und Einziggcborene war. Aber weiler das Letztere gerade war, darum sagte der Vater: „Mein Name soll nicht ausstcrben,und mein Geschäft auch nicht." Und der Emil ward, was er wurde. Die Mutterhatte in jungen Jahren einen großen Einfluß auf Emil's Gemüth gehabt. Emil hatteauf ihrem Schooßc recht kindlich beten gelernt, an ihrer Hand war er fromin geworden,an ihres Gesichtes Ja- und Neinwinken war ihm der Unterschied von Gut und Böseklar geworden. Aus der Kinderstube war er jetzt in's Comptoir verpflanzt — natürlich,ganz verschiedenes Erdreich. Die Umgebung war eine andere, — seine Gedanken stackenzwischen dem Papier und den Maschinen; seine Gefühle gingen in Ebbe und Fluch, jenachdem die Aktien stiegen oder sielen. Kein halbes Jahr verging, da war das Kind
vollständig abgestreift, und nach zwei Jahren gcrirt er sich schon wie ein großer Mann.
Der KaufmannSgcist war über ihn gekommen. Da wird das Herz leicht trocken undzum Blcchkastcn, und wenn dann noch Etwas darin tickt und pocht, dann ist es dochwie das Geräusch knöcherner Würfel, die in einem blccherncn Becken gerüttelt. Dasstieg dem jungen Kaufmann auch in den Kopf, daß er von aller Welt stark rcspektirtwurde, und wenn ein von der Fabrik und dem Geschäft Abhängiger an Zahltagen mittiefem Bückling ihn anredete: „Guten Morgen" oder „guten Tag, Herr Nasfgut," dannschmeichelte ihm das ungeheuer, und der sechzehnjährige Herr Naffgut jun. machte dannein Gesicht, als ob er das schon feit Jahr und Tag gewohnt gewesen.
In einer großen Stadt gibt es aber der Kaufleute und Kaufleutchcn gar viele; essind meist feine Herren und Herrchen, wenigstens mit äußcrm Firniß, und wenn die Schreib-stube und das Gcschäftslokal zugemacht ist, dann gcbährdcn sich Manche, als ob dasPläsir und der Jubel die Hauptsache im Menschenleben wäre. An den jungen lebens-frischcn, gutmüthigen Emil hängten sich allmälig wie Kletten auf der Straße und demSpaziergangc andere Bcrufsgenosscn, meistens „kleinere Leute," di: fremdes Brod aßen,auch einige Ladenjünger, deren ganzes Verdienst in feiner Leinwand und einer künstlichverknoteten Halsbinde bestand. Diese hofirtcn dem Emil als jungen, gescheidtcn Kauf-mann und — aber das sagten sie nicht ausdrücklich dabei — als dcreinstigcn Erbeneines ansehnlichen Geschäfts und Vermögens, dessen Börse auch jetzt schon vom Vatermit reichlichem Taschengeld gespickt war. Emil labte sich und andere gern, wcnn's ihmLobsprüche eintrug; darum war's nicht außergewöhnlich, daß er, wenn der Spaziergangschwül und die Zunge trocken wurde, mit seinen Freunden in einem Kaffeehaus odereinem Conditorladcn einsprach. Die leisen Wünsche und Winke der Kameraden warenhäufig der Grund; aber Emil'S Börse blieb fast jedesmal für dergleichen gemeinschaft-liche Unternehmungen die finanzielle Grundlage. Entschädigt wurde er jedoch durch