Ausgabe 
28 (22.3.1868) 12
 
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Schmeichelnden und unterhaltendes Gespräch, worin er im Scherze Mancherlei erfuhr,was er die Sache ernstlich genommen noch nicht sobald hätte zu erfahren ge-braucht. Seine Neigung für's Theater wurde geweckt und genährt. Man lobce mit

stürmischem Beifall sein Urtheil über die Künstler, noch mehr aber über die Künstlerinnen,und wenn er obendrein noch eine oder zwei Flaschen ponirte, dann sagte man entzückt,der Umgang mit Emil sei doch so bildend und unterhaltend, daß man unter keinen Um-ständen auf diesen geistigen Genuß verzichten möchte. Durch solche Schmeicheleien ver-blendet, warf sich Emil denn auch als Kenner und Liebhaber des Theaters auf; er warschon so weit, daß er für den Fuß einer Tänzerin schwärmen konnte. Er that wenig-stens so. Die Hauptsache, im Mindesten für seine Genossen, blieb das Zechgelage, wo

Emils Freigebigkeit aus purer Eitelkeit keine Grenze fand. Der Vater mochte vielleichtvon den großen Verschwendungen Nichts wissen; daß der Sohn bis zum späten Abend,ja bis auf die Schwelle der Nacht ausblieb, und zuweilen mit übermäßiger Heiterkeitwiederkehrte, dagegen hatte er so viel nicht einzuwenden; nur wenn's zu arg war, z. B.wenn Emil nicht ganz mehr das Gleichgewicht halten konnte, dann schüttelte er höchstensden Kopf, und sprach ein ungesalzenes Wort, welches der Emil überhörte, traten aberder Mutter bei solchen Gelegenheiten die Thränen in die Augen, dann beschwichtigte derVater sie mit den Ausdrücken:Nun, Lenchcn, ehe ich zur Vernunft kam, bin ich aucheinmal jung gewesen; junger Wein muß brausen, sonst klärt er sich nimmer und bleibtSpülwasser nach wie vor." Wollte aber die Mutter noch hingegen eine Einrede thun,dann wurde der Vater selbst ärgerlich und sagt wohl knapp:Ihr Fraulcut' kreischtauch um jede Kleinigkeit."

Damit war der Mutter für den Augenblick wohl der Mund geschlossen, aber desHerzens Wunde nicht. Es war ihr, als ob ihr der Emil von Tag zu Tag mehr ab-handen käme, und sie wollte ihn doch einmal so ganz gut und christlich haben. Ammeisten stach es ihr in'S Herz, daß Emil im Hause nicht mehr so zutraulich, heiter undfreundlich war, als sonst; vergeblich spähte sie nach jenem zuthunlichen kindlichen Blick,in dem für die Mutter die Liebessprache des Herzens liegt. Draußen bei den Genossenkonnte er doch lustig und heiter sein, und während die Pfropfen flogen, auch seinen an-gcborneu Witz in zählendem Sprudel schäumen lassen. Warum zu Haus die Miß-muthsfalten auf der Stirn, warum die Fältchcn an den Mundwinkeln, die bekanntenkleinen tückischen Schlangen? Das Alles schnitt der Mutter in'S Herz, denn sie meinte,und sie hatte Recht, des Kindes beste Stimmung gehöre ihr. Der Mutter ist es amallcrhärtesten, wenn ihr Kind frühzeitig alt und selbstständig werden will; dann hörtdas Kind fast auf, ihr Kind zu sein! Sie möchte am liebsten, daß ihr Sohn kindlichbliebe, und auch darin hat sie Recht, denn der Muttcrschooß bleibt der beste Hafenplatz,wo das Kindeshcr; sich vor Anker legen kann. Aber der Unmuth und der Harm unddas Herzeleid rinnt zuletzt im Muttcrherzen so dick zusammen, daß es sich ausschüttenmuß. Anfangs hatte sie möglichst sanft aus der Ferne gewinkt, dann zugeredet, zuletztin allem Ernste gesprochen; Emil aber hatte geschwiegen oder abgewehrt, zuweilen auchstörrisch gesagt:Ein Haushuhn wolle er nicht werden, und Ausspannung komme einemjungen Manne zu." Als sie aber einmal spitz gefragt, ob er ihr denn absolut wehethun wolle, da hat der zwanzigjährige Sohn spitz geantwortet, ob sie ihm denn absolutkein Vergnügen gönne.

Es blieb, wie es war, oder vielmehr, es ward allmählich schlimmer. Zudem merktesie mit Schrecken, daß sein Herz für die Religion erkaltete. Natürlich, unter all' seinenFreunden war kein Einziger, der, wenn er überhaupt noch zuweilen in die Kirche ging,ein Gebetbuch mitnahm. In frühern Jahren war er oft und gern mit ihr in dieHimmclfahrts-Kirche gegangen, aus eigenem Dränge trat er häufig zum Tische des Herrn!Jetzt war er schon zufrieden, wenn er blos an Sonntagen spät eine Schnappmcffe bekam;aus Gewohnheit that er's vielleicht, oder auch aus letzter Rücksicht auf die Mutter.