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Kaum aber beugte er noch bei der Wandlung das Knie, um so weniger das Herz, mitden Fingern strich er den schwarzen Gedankenstrich über der Lippe, musterte die enge«karrirtcn Hosen oder steckte die Hände nachlässig vornehm zwischen die Knüpfe des Pale-tot's. Diese religiöse Gleichgültigkeit war der Mutter am allerhältesten; jugendlicherUcbcrmuth hätte viel leichter bei ihr Gnade gefunden, wenn des Herzens Kern wäreunberührt geblieben. Die Wurzel dieser verkehrten Lebensstimmuug sah sie im Umgängemit dem Schwärme seiner Kameraden.
(Fortsetzung folgt.)
Eine Pariser Dame über die Civil Ehe.
Den Unterschied des Eindrucks, welchen die Civiltrauung macht, von jenem derkirchlichen Trauung, beschreibt nach eigener Erfahrung eine Pariser Dame, wie folgt:
Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Heirath auf dem Stadthaus ziemlich wichtig ist,aber ist eS für ein feines Gefühl möglich, diese Wichtigkeit ernst zu nehmen? Ich habedie Sache kennen gelernt, ich habe, wie Jedermann, diese mühsame Förmlichkeit erfüllt,und ich kann nicht ohne eine Art Demüthigung daran denken. Kaum aus dem Wage»gestiegen, bemerkte ich rechts eine schmutzige Treppe; die Mauern waren mit Anschläge«in allen Farben beklebt, und davor stand ein Mann mit braunen Beinkleidern, ohneHut, eine Feder hinter dem Ohr, und rollte eine Cigarette zwischen seinen mit Tintebefleckten Fingern. Links öffnete sich eine Thür, und ich bemerkte einen niedrigen undfinsteren Saal, in welchem ein Dutzend Tambours von der Nationalgarde schwarzePfeifen rauchten. Mein erster Gedanke, als ich in die Kaserne eintrat, war, daß ichwohl daran gethan hatte, kein weißes Kleid anzuziehen. Wir stiegen die Treppe hinausund ich sah nun einen langen, schwach erleuchteten, unreinlichen Korridor mit einer MengeGlasthüren, auf welchen geschrieben stand: Beerdigungen — Expropriationen — Todes-fälle — Reklamationen — Geburten u. s.-w. und endlich: Heirathen. — Dort nu»traten wir ein.mit einem Knaben, welcher eine Tintcnflasche trug; es herrschte hier einedicke, schwere, unangenehm warme Luft, welche Einem übel machte. Ein Man» in blauerLivrse, welcher ungefähr so aussah, wie die Tambours, die ich unten gesehen hatte, kamauf uns zu, um sich zu entschuldigen, daß er uns nicht gleich in den Salon des Herr»Bürgermeisters (das ist der Wartcsaal für die erste Klaffe) geführt habe. Ich lief soschnell, wie nach einem Wagen, wenn es anfängt zu regnen, dahin. Dieser Salon Ke-tzern: Bürgermeisters hatte aber einen Anstrich von Provinzialismus und Spießbürger-tum, der mich sehr heiter stimmte. Ich betrachtete zunächst die Uhr, sodann ein Baro-meter und eine Bibliothek, welche da hingestellt zu sein schien, um eine Thür zu verber-gen; und über der Bibliothek stand das Bildniß des Kaisers in Gyps. — In derMitte des Zimmers stand ein Tisch mit einer grünen Decke, worauf mehrere Tintenfleckewaren. Zwei Individuen brachten endlich zwei Register, und als sie sie aufgcschlagc»hatten, schrieben sie etwas hinein. Sie fragten uns nach unseren Namen, Alter, Vor-namen, und fuhren dann fort zu schreiben, und i^' hörte, wie der Eine zum Ander»leise sagte: Scmicolou — zwischen den beiden Ehegait n. Eine neue Zeile u. s. w. —
Als sie fertig waren, sing der Eine, welcher durch die Nase sprach, an, mit lauter
Stimme etwas vorzulesen, wovon ich aber gar nichts weiter verstand, als unsere Name«.Er reichte uns eine Feder, und wir unterzeichneten. — Die Uhr des Herrn Bürger-meisters schlug gerade zwei, und ich hatte eben um zwei meine Näherin zu mir bestellt,
um eine Aenderung an meinem Schnürleib vornehmen zu lassen.
„Sind wir fertig?" fragte ich Georg, welcher zu meinem großen Erstaunen ganzbleich war.
„Noch nicht, liebe Freundin,- antwortete er; „wir werden jetzt in den Heirathssaaleintreten:" — Wir kamen nun in einen großen leeren Saal mit nackten Mauern; i«