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Hintergründe stand die Büste des Kaisers; hinter einigen Fauteuils standen mehrerestaubige Bänke. Ich war sehr schlecht gelaunt bei diesem Anblick; Mama und meineTanten waren aber sehr heiter gestimmt, die Herren dagegen erschienen mir Alle sehrernst, und ich bemerkte deutlich, wie Georg neben mir zitterte. Endlich trat der Bürger-meister mit seinem langen schwarzen Talare und der Schärpe durch eine kleine Thür ein.
-- Dieser Mann machte einen ganz ansehnlichen Eindruck, und man sagt, er habe sich bereit-em bedeutendes Vermögen erworben, aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß dieser kleineHerr durch eine Handlung, die er in größter Hast vollzog, mich für ewig binden könne.Außerdem hatte dieser Bürgermeister eine fatale Aehnlichkeit mit meinem Klavierstimmer.
Ich biß mir auf die Lippen, um nicht laut aufzulachen. Nachdem der Herr Bürger-meister uns gegrüßt hatte, schnob er sich aus und begann würdig die kleine Ceremonie.
Er sagte in Eile mehrere Stellen des Kodex her, indem er jedesmal die Nummern derParagraphe nannte, und ich verstand so viel, daß man mich mit Gendarmen bedrohte,wenn ich nicht den Befehlen meines Ehegatten gehorchen, wenn ich ihm nicht überallfolgen würde, wohin er mich führt. Zwanzig Mal war ich auf dem Punkt, den HerrnBürgermeister zu unterbrechen und ihm zu sagen: „Erlauben Sie, mein Herr, IhreWorte sind keineswegs höflich, auch kann das Gesetz nicht so lauten," aber ich hielt michzurück aus Furcht, den Magistrat zu beleidigen. Er fügte noch einige Worte über diePflichten der Ehegatten bei, über die Unterschrift rc.
„Herr Georg ***, Sie schwören, Fräulein *** zur Gattin zu nehmen?" sagteder Bürgermeister endlich, sich verneigend. Mein Mann verbeugte sich und antwortete:..Ja."-
„Fräulein Bertha * * fuhr die hohe Behörde sich gegen mich wendend, fort,„Sie schwören zum Gatten zu nehmen rc. :c." — Ich verbeugte mich und sagte: „Ja,"natürlich, darum bin ich ja hicher gekommen.
Das war Alles; ich war vcrheiralhet, wie es schien. Mein Vater und mein Mann> drückten sich die Hände, wie Leute, welche sich seit zwanzig Jahren nicht gesehen haben,ihre Augen waren feucht. Mir dagegen war es unmöglich, ihre Bewegung zu theilen.
Am nächsten Morgen brach der große Tag an. Als ich eben erwacht war, öffneteich die Thür, welche in den Salon führt, und sah meine Kleider auf dem Sopha aus-gebreitet, der Schleier lag daneben, meine Schuhe, mein Haarputz in einer weißenSchachtel — nichts fehlte. Ich stürzte ein großes Glas Wasser hinunter. Ich warunruhig und glücklich, ich zitterte. Mir war, wie dem Soldaten, der am Morgen derSchlacht das Vorgefühl hat, dekorirt zu werden. — Ich dachte weder an meine Ver-gangenheit, noch an meine Zukunft; ich war ausschließlich in Anspruch genommen von-- der Idee dieser Feierlichkeit, dieses Sakramentes, des feierlichsten von allen, deS Gelöb-nisses, das ich vor Gott mache» wollte, und dabei dachte ich daran, welche große Men-schenmenge in die Kirche kommen würde, blos um mich zu sehen. Wir frühstückten sehrzeitig. Es schien mir, als ob die Domestiken mich mit mehr Sorgfalt bedienten und- mit größerem Respekt umgabcü; ich erinnere mich noch, daß Marie zu mir sagte:
„Madame, der Friseur ist da." siKadame!? Ausgezeichnetes Mädchen! Ich habe eS- ihr nie wieder vergessen.
Es war mir unmöglich zn essen. Ich hatte eine trockene Kehle und fühlte imganzen Körper ein Zittern vor Ungeduld, wie wenn man sehr durstig ist und wartet bisder Zucker im Wasser geschmolzen ist. Ich hörte schon den Ton der Orgel, und dieTrauung meiner Freundin Emma ging mir durch den Kopf. Ich kleidete mich an.
^ Als ich damit fertig war, ging ich in den Salon, um mich freier bewegen z« -
können. Mein Vater und Georg standen da, schon in lebhaftem Gespräch. „Sind dieWagen schon da?" „Ja, gewiß . . ." „Und das Heiraths-Document — ich habe denTrauring. — „Oh, mein Gott, wo ist mein Beichtschein? — Ah, ich habe ihn i»z Wagen gelassen u. s. w."