Wir stiegen in den Wagen; ich merkte, daß alle Welt mich anblickte, und sah umden Wagenschlaz Gruppen von Neugierigen. Was ich empfand, kann ich nicht beschrei-ben, es war köstlich. ^
Der Eintritt in die Kirche, wird mir unvergeßlich bleiben. Wir verweilten einenAugenblick unter dem rothen Teppich. Die große Orgel spielte einen Triumphmarsch,tausend lächelnde Gesichter sahen sich nach mir um und im Hintergründe des Schiffesstanden zwei vergoldete Fautcuils, auf die wir uns vor Gott niedersetzen sollten. MeineFreunde, meine Eltern, meine Feinde und meine Bekannten, Alle grüßten uns mitfreundlichem Nicken und ich sah — denn man sieht Alles in diesen feierlichen Tagen —daß man mich nicht übel fand. Angekommen an meinem Fautcuil, verbeugte ich michund machte mein Kreuz. — Die Orgel verstummte mit ihren Triumph-Gesängen undich hörte zur Seite meine arme Mutter Thränen vergießen. O, ich verstehe, was dasHerz einer Mutter bei einer solchen Feierlichkeit empfinden muß! Die Geistlichkeit erschienin pomphaftem Aufzuge; ich blickte auf Georg, er schien verwirrt.
Die Rede des Priesters war ein Meisterstück. Er sprach von unseren beiden Fa-
milien, „wo Glaube und Frömmigkeit erblich sind, wie die Ehre." Man hätte eineFliege könne» summen hören, so horchte Alles mit Spannung auf die Stimme desGeistlichen. Einen Augenblick darauf wendete er sich gegen mich, und gab mir mitgroßer Zartheit zu verstehen, daß ich einen der ersten Offiziere der Armee hcirathe. —„Der Himmel," sagte er, „lächelt dem Krieger, welcher dem Dienste des Vaterlandeseinen von Gott gesegneten Degen weihet, und welcher, sich in's Handgemenge stürzcud>sich die Hand auf's Herz legen und dem Feinde das Kriegsgeschrei entgcgenrufen kann:Zch glaube!" Welche Größe lag in dieser heiligen Beredsamkeit! Ein leiser Schauerdurchrieselte die Versammlung. Aber das war noch nicht Alles. Der fromme Pfarrerwendete sich darauf an Georg und sagte mit einer ebenso sanften als begeisterten Stimme:
„MVin Herr, Sie nehmen znr Lebensgefährtin ein junges Fräulein, fromm anfcr-zogen durch eine christliche Mutter, welche alle Tugenden des Herzens, alle Vorzüge desGeistes mit ihr getheilt hat." — Mama schluchzte. „Sie wird ihren Gatten zu lieben
wissen, wie sie ihren Vater geliebt hat, diesen zärtlichen Vater, welcher von der Wiege
an ihr die Gefühle des Edelsinns und der Selbstoerläugnung keimen ließ, welcher —"Papa lächelte unwillkürlich. — „Dieser Vater, besten Namen die Armen kennen, undwelcher im Hause des Herrn seinen Platz auf der Bank der Auserwählten hat" —Papa ist Kirchenvorstcher — „und Sie, mein Herr, Sie werden, o ich weiß es gewiß!mit aller Reinheit, aller Aufrichtigkeit" — ich fühlte meine Augen feucht werden —„und ohne die vergänglichen Reize zu vergessen, werden Sie dem Himmel tausendmalfür die viel kostbareren und dauerhafteren Eigenschaften danken, welche der Engel, denGott Ihnen gibt, im Herzen und im Geiste birgt." Die hellen Thränen rollten mirüber die Wangen; niemals hatte mir unsere heilige Religion größer, erhabener, über-zeugender geschienen. Als der geistliche Herr diese letzten Worte aussprach, leuchtete einSonnenstrahl auf seinem ehrwürdigen Haupte: das war kein Mensch mehr, es schien mir,als wäre es Gott selbst, welcher durch seinen Mund sprach.
O ihr Narren, die ihr euch von den Altären entfernt und nichtdie Entzückung eines Herzens kennt, welches sich in Gott vertieft.
Wir erhoben uns und standen einer vor dem andern wie das göttliche Ehepaar iudem Gemälde Raphaels. Wir wechselten die Ringe und der geistliche Herr sprach mitgewichtiger Stimme lateinische Worte, deren Sinn ich nicht verstand, — die mich aberunendlich rührten, denn die weiße, feine, durchsichtige Hand des Prälaten schien mich zusegnen. Während dessen verbreitete das bläuliche Naüchgefäß in der Hand der Chor-Knaben einen frommen Wohlgcruch. Welch' ein Tag, großer Gott! Alles was nachhergeschah, verwirrte sich in meinem Gedächtniß. Ich war geblendet, entzückt!
Bald naheten sich mir eine Menge Leute, um mich zu beglückwünschen. Die Sa-