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kristei war voll, man drängte sich um mich herum und ich antwortete auf alle Kompli-mente mit einem freundlichen Gruß. Ach, — ich hatte das Bewußtsein, daß sich etwasFeierliches vor Gott und Menschen vollzogen hatte, ich hatte das Bewußtsein, einenewigen Bund geschlossen zu haben ... ich war verheirathct.
Mir fiel der gestrige Akt auf dem Nathhausc ein. Ich verglich den Bürgermeistermit dem Herrn Pfarrer, die banalen Worte des ersteren mit der feurigen Beredsamkeitdes verehrten Geistlichen. Welcher Unterschied. Hier der Himmel — dort die Erde,dort die platte Prosa eines Geschäftsmannes, hier die himmlische Poesie!
(Der Phil Hellene Ludwig I.) Von Nom aus machte König Ludwig 1836einen Abstecher nach Athen zu seinem Sohne Otto, dem Opfer der väterlichen Vorliebefür die Classicität. Die Akropolis besuchte er fast täglich, und selten verließ er diesenGipfelpunkt des Hellencnthums, ohne einen Stein, als Bruchstück eines der ehemaligenZierden derselben, mitzunehmen. — Die ganze Sammlung warf bei der Abreise derKammerdiener weg. König Ludwig unterhielt sich in seiner Weise gern mit den deutschenSoldaten, die in Bayern für Griechenland angeworben worden waren, aber er wolltekeine Klagen hören. Einem dickbäuchigen Feldwebel, der in Athen auf die Frage: „Wiees gehe?" antwortete: „Schlecht, Jhro Majestät!" sagte der König: „Fehlt halt dasMünchener Bier. Mir geht es auch nicht zum besten, hab' wenig Dank vom Landtagdaheim." Als etliche Soldaten über das Essen klagten, bemerkte der König und dies istsehr charakteristisch: „Ich kann nicht begreifen, warum ihr klagt; auf meine Tafel inMünchen kommen Oliven als Seltenheit, und hier ißt sie der gemeine Soldat!"
Das „Kemptcner Tag- und Anzeigeblatt" brachte vor Kurzem folgendes originelle Inserat:„Zur Notiz! Ich Joseph Mayer, Seifenhändler anS Haldewang, stelle au die Herren Gast-geber im Bezirke Kempten das Ersuchen, mir, da ich mich vor starkem Trinken nicht zu> schützen weiß, ein volles Jahr, die Speisen ausgenommen, nicht mehr als eine Maaß, jedochbei einer Uebernachthaltung IV- Maaß Bier zu verab eichen. Hiemit warne »ch zugleich, mirbei diesem eigenen Gebote bei Vermeidung gerichtlicher Belangung nicht üble Reden zu sagen,indem mir außer meinem starken Trinken nichts unrechtes nachgewiesen werden kann und ichübrigens den besten Leumund besitze. Nur um meine Haushaltung von diesem bösen Uebelzn befreien, habe ich mir selbst Vorstehendes zur Aufgabe gemacht, um niir Wege der Besserungzu suchen. Bemerke schließlich noch, daß ich Gegenwärtiges jederzeit ändern kann und werde esin diesem Falle durch das Tagblatt wieder veröffentlichen."
(Ein Tiroler Faschingsschcrz.) Aus dem Oberland erzählt die „Volks- undSchützen-Ztg." nachstehendes Faschingsstückchen: Ein Wirth in** besitzt nicht blos einige Häusernebst dazu gehörigen Grundstücken, oder wie man zu sagen pflegt, mehrere „Heimathe", sondernauch ein Paar staatlicher Waden, die er höher schätzt, als Haus und Hof. Geld und Gut, denktsich vielleicht der Mann, kann jeder Narr besitzen, aber ein so prachtvolles Wirthsgcstell kau»selbst der Pfarrer von Cincinnati nicht ausweisen. Da gab es denn in dem Hause des er-wähnten Wirthes schon manch' kühnes Messen der zwischen Knöchel und Knie gelegenenGegenden, und manche Wette ging zu Gunsten des Wadenköuigs verloren. Vor Kurzem kehrtenun wieder ein wohlbestellter Mann unter jenem Wirthsschilde ein; das geistreiche Gesprächdrehte sich bald uin die beiden Säulen des Herkules, und eine Wette, bei welcher der Wirth cjueHeimath aus's Spiel setzte, ward in Gegenwart zweier Zeugen eingegangen. Mit Sorgfaltund Gewissenhaftigkeit wurden die in Frage stehenden Waden gemessen, das Urtheil fiel znUngunsten des Wirthes aus; die Heimath war verloren. Die verlorene Heimath wäre jedochnoch leicht zu verschmerzen, da der geschlagene Mann noch mehrere „Heimatheu" besitzt; aberdie Person des Siegers macht das Unglück viel größer, als es erscheinen mag, denn der Ge-^ winner der Wette ist ein — Schneider.