Ausgabe 
28 (22.3.1868) 12
 
Einzelbild herunterladen

96

(Wer einem Andern eine Grube gräbt -c.) In einem deutschen Garnisonsstädtchentzat sich vor einigen Tagen ein Vorfall zugetragen, welcher die Wahrheit des alten Sprüch-«ortes:Wer Andern eine Grube trägt, fällt selbst hinein", wieder einmal und zwar inhöchst ergötzlicher Weise bestätigt. Einem erst kürzlich in das betreffende Städtchen, dessenName nichts zur Sache thut, versetzten Ossicier fiel es bei Jnspicirung des Festuugsrayonshöchst mißliebig auf, daß die in demselben belegenen Rasenplätze vom Publikum zum Bleichender Wäsche benutzt wurden. Er gab daher gemessene Ordre, daß hinfüro alle zu diesemBehufeausgetheilten Erlaubnißscbeine zurückzuziehen seien. Nichtsdestoweniger fand der besagte Ossi-rier, als er einige Tage später mit seinen Mannschaften zum Exerciren ausrückte, den be-treffenden Platz vollständig mit Wäsche aller Art bedeckt. Aufgebracht über diese der DisciplinHohn sprechende s>>eo,e-i 1»<ui ließ er seine Truppen über die unschuldigen Missethäter, die sichin Gestalt friedlich ruhender Leintücher, Windeln, Hemden u. s. w. seinem Auge darboten, Pa-rademarsch, links- und rechtsum, Kehrtübungen, kurz alle möglichen Evolutionen des Exercir-reglements ausführen, bis plötzlich todtenbleich und fliegenden Haares die eigene Magd desKommandirenden herbeistürzt und händeringend in die Worte ausbricht:Ach Gott , Herr,was wird die Madanie sagen!" Was die Madame zu dem an seiner eigenen Wäsche zumTyrann gewordenen Officier später gesagt hat, ist leider nicht bekannt geworden.

(Ein Scheusal.) Ein entsetzliches Verbrechen ist vor einigen Tagen auf der ZiegeleiNorkitten bei Jnsterburg verübt worden. Der Losman Patombel, 32 Jahre alt, wegen Dieb-stahls schon mehremale bestraft, war durch Arbeitsscheu und Trunksucht so heruntergekommen,daß ihm selbst das Betteln schon eine zu schwere Arbeit schien. Er ging daher mit dem Ge-danken um und sprach denselben auch aus, irgend ein Verbrechen zu begehen, um, wie erausdrückte,sein Brod" in einem Gefängnisse zu erhalten. Schafe stehlen, Scheunen anzünden,was er anfangs wollte, schien ihm viel zu viel Kraftanstreugung zu erfordern, und er erwürgtedeßhalb eines von seinen Kindern, ein Mädchen von 3 Jahren, mit welchem er aus Trägheitselbst bei Tage im Bette lag, während seine Frau nach Reisig in den Wald gegangen war.Als seine Frau nach Hause gekommen war, sagte er, das Kind schliefe, und später, wäh-rend die Frau über den endlich entdeckten Tod des Kindes jammerte und schrie, nicht blosseine, sondern auch die Suppe des von ihm ermordeten Kindes aus, welche die Frau gekochtund für die Kinder ausgeschöpft hatte. Um zufernem Brode" zu gelangen, gestand erfreiwillig sein Verbrechen ein, indem er ganz offen erklärte, er habe das Kind erwürgt under werde auch das andere tödten. Der Mensch hatte im Sommer genügende Arbeit, im Herbstehatte er ein Erbthcil von 17 Thalern erhoben, aber Alles durch Trunk durchgebracht; auchjetzt hätte er sich, da die Arbeitsstellen im Walde und an der Bahn ganz nahe sind, ganz guternähren können. (Jnsterburg liegt in Preußen und nicht etwa in Altbayern oder Oesterreich!)

(Die feinste Speise.) Man nimmt aus einer Olive den Kern heraus und bringteine Sardelle an dessen Stelle; die Olive wird dann in eine Leipziger Lerche, diese in eineWachtel, diese rn ein Rebhuhn gesteckt, welches von einem Fasan aufgenommen wird, der sichin einen fetten Kapaun hüllt; diesen nimmt sodann cin Jndian auf, welcher endlich in einemzarten Schweiuchen verschwindet. Ein tüchtiges Feuer vereinigt sodann die deliciösen Säftedes Ganzen, von dem natürlich nur das Filet der Sardelle als Leckerbissen genossen werden darf.

Resignation ist eben so häufig die Tugend der Schwachen, als die der Starken, jenach Charakter und Verhältnissen. Zuweilen ist eine Frau rcsignirt, weil sie nicht denMuth, zuweilen auch, weil sie nicht den Willen hat, zu kämpfen, oder weil sie es nichtder Mühe werth hält. Manche Naturen geben aus Schwäche nach, andere ausGeringschätzung.

Drvlf, Verlas und Redaktion dcS liteaarischen Instituts von vr. M. HutUe?.