Ausgabe 
28 (29.3.1868) 13
 
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Nr. LS.

29. März 1868.

Augsbnrger

Laß Neid und Mißgunst sich verzehren,

Das Gute werden sie nicht wehren.

Denn Gott sei Dank! es ist ein alter Brauch:

So weit die Sonne scheint, so weit erwärmt sie auch.

Göthe .

Eine Mutterthräne.

(Fortsetzung und Schluß.)

Die Atmosphäre, in der er außerhalb des Hauses athmete, taugte nicht; hier holteer sich die Blässe seiner Gesinnung, die Hohlheit seiner Ansichten, die Nervenschwächeseines Charakters. Geweint hatte sie bitterlich, als bei einer Durchsuchung von EmilsKleidungsstücken wie das die Mütter so zu thun pflegen allerlei Briefschaften,Bandschleifen und vertrocknete Vergißmeinnicht-Kränzchen heraus sielen. Mit pochendemHerzen und weich gestimmtem Gefühl wartete sie oft Abends auf seine Rückkunft. DerKummer wob dann ihre Sorgen zu ängstlichen, schrecklichen Bildern zusammen! Oftzitterte eine heiße, schwellende Thräne an ihren Wimpern, ihr Mund zuckte und siepreßte die Hand avs's Herz, als ob dort der Kummer sich knotenartig zusammenzöge.Dann betete sie heißbrünstig für ihr Kind; denn Duldung und Gebet, hatte ihr derBeichtvater gesagt, sei bereits die einzige Waffe, womit sie den bösen Geist bekämpfenkönne.

Zur Erleichterung suchte sie eines Abends die süßen Erinnerungen aus alter Zeitwieder aufzufrischen. Einen Schrank öffnete sie leise, als ob das Schrillen der Riegelihr durch's Herz ginge; eine Lade machte sie daran auf und holte daraus ja wasdenn? Ein feines, aus kostbaren Spitzen und Seide gefertigtes Taufjäckchkn und einTaufhäubchen mit unterlegtem, himmelblauem Seidcngrund. Darin war ihr Emil zumBade der Wiedergeburt getragen worden. Wie glücklich war sie gewesen, als der Himmelihr nach langem Hoffen das Kind geschenkt, um wie viel glücklicher noch, als sie denjungen Christen zum ersten Mal an ihre Mutterbrust geschloffen! Heißer quollen dieThränen aus ihren Augen, sie seufzte tief auf und krankhaft preßte sie diese Kleidungan ihren Mund und an die brennenden Augen. Da lag zu gleicher Zeit das Roscn-kränzchcn aus Silbcrperlcn, das die Großmutter dem kleinen, einzigen Enkel geschenkt,da er vier oder fünf Jahre alt, vor ihr gekniet und das Vater unser zum ersten Malmit aller Andacht gelallt hatte; da lag auch das Roscnsträußchcn mit der weißen.Schleife, das am Tage seiner ersten Vermählung mit dem Heilande an seiner Brust

-doch die Mutter durfte diese Gedanken nicht wieder fortspinnen, es stieß ihr schon

fast das Herz ab. O Mutterherz, das Blut, das Dir vom Kinde ausgepreßt wird,auch dieses Blut schreit zum Himmel um Rache! Aber die Mutter, sie kann nichtfluchen, ihren letzten Blutstropfen möchte sie opfern für das Herz ihres Herzens, für ihrKind. Nasch schloß die Mutter die Lade, dann warf sie sich zur Erde nieder und mitausgestreckten Armen betete sie den Gruß an die fünf heiligen Wunden für ihr Kind.Ein wunderbarer Trost ward vom Himmel in ihr Herz gegossen, es war ihr wie Cent-nerlast vom Herzen weggenommen. Ihre Gefühle wurden ruhiger; denn das Herz schlug