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sanft, und ihre Gedanken wurden licht. Es war bereits zehn Uhr. Da tönte die Haus-glocke; es war ihr Emil. Sonst gab der Hausknecht Einlaß, der spät bis in die Nacht ^Wache halten mußte, und der Sohn ging dann, betäubt und verwirrt, mit ausgehöhl-tem Herzen und schwerem Kopfe, allein auf sein Zimmer. Die Muttergestalt war ihmin solchem Zustande nie vor die Augen getreten. Die Mutter faltete ihre Hände, dannwar sie gefaßt; sie eilte hinunter und öffnete ihrem Sohne selber die Thüre — aber siesagte Nichts. Verwirrt stand er einen Augenblick, dann faßte er an seine Stirn, mur- ^melte Etwas, wie halb vor Entschuldigung, halb aus Aerger und schwankte lautlos, sorasch, als es gehen wollte, seinem Zimmer zu.
Hatte das gefruchtet? Die Mutter wußte es nicht. Am andern Tage war erschweigsam, doch nicht gerade traurig. Die Mutter war liebevoll sanft wie gewöhnlich;mit Spannung wartete sie auf den kommenden Abend.-
Der Sohn war wiederum ausgegangen. Der Mutter Gefühl wurde schmerzlichberührt, denn Nichts schmerzt mehr als gekränkte Liebe. Der Sohn hatte also die zarteAndeutung der Liebe, jenes zurückhaltende Flehen nicht verstehen wollen. Es schlug achtUhr, neun Uhr; der Mutter Herz pulsirte in rascheren Schlägen. Es ward zehn Uhr;die Mutter seufzte, weinte, betete wie am Abend zuvor. Jetzt klingelte es wiederum,und die Uhr auf dem Thurm der Himmelfahrts-Kirche begann die elfte Stunde zuschlagen. Die Mutter machte sich stark; denn wenn eine Mutter sich faßt, danu ist siestärker, als ein Mann. Mit ruhigem Antlitz, ohne daß eine Muskel ihres Gesichteszuckte, stieg sie wieder die Treppe hinab, ging an die Hausthüre, öffnete, und iyr Emil ;
stürzte herein. Scham übermalte glühroth sein Gcstcht; seine Hände krämpftcn sich, seinMund öffnete sich halb. War es Aerger oder Reue, oder ein Gemisch von Beidem,was in seinem Herzen, in seinem Auge vorging? Die Mutter wußte es nicht; aber siesagte Nichts. Das hatte er nicht erwartet, daß auch um elf Uhr noch seine Mutter ihmentgegentreten würde, und wahrscheinlich hatte er, als es nun einmal spät geworden,absichtlich der Begegnung ausweichen wollen; denn so spät war er noch nie heimgekehrt.
Als er an ihr vorbei ging, glaubte sie, einen schmerzlichen Zug in seinem Gesichte zuerblicken; und wenn sie sich nicht gar zu sehr getäuscht, dann hatte er im Taumel stillbei sich „Ach Gott ! Wieder die Mutter!" geseufzt. Am folgenden Tage war dieMutter wiederum freundlich und herzlich, das Vorgegangene merkte man ihr nicht an;denn obwohl im weiblichen Herzen es mehr begründet liegt, daß es in Wort und Hal-tung und Bewegung sich spiegelt, so kann das Mutterherz doch auch schweigen wie dasGrab. Emil aber war schweigsam, war verlegen, er konnte seine Mutter nicht an-schauen; sein Gesicht wechselte die Farbe, so oft er mit ihr sprach, so oft er nur in ihrerNähe war. Mit großer Zerstreuung versah er sein Geschäft; der Vater erstaunte überdie kaufmännischen Sünden, die Emil beging; so legte dieser eine Zehn-Thalcr-Banknote
als Zeichen in's Hauptbuch und ließ sogar einmal, als er auf einige Augenblicke aus
dem Zimmer ging, den Schlüssel an der Kassa stecken. /
Der Tag ging vorüber, cS wurde Abend. Es gewann den Anschein, als ob Emilheut' nicht ausgehen würde. Um sechs Uhr war Schluß des Comptoirs; dann hatte ersonst sofort Hut und Stock genommen. Heute trat er denn so still sinnend im Hauseherum, suchte noch Arbeit, obwohl er keine mehr fand. Er sprach mit dem Papagei imHausgange und bekam keine vernünftige Antwort. Er ging in den kleinen Blumen-garten hinter dem Hause, er setzte sich in die Laube; aber höchst unruhig war und blieb
er. Um sieben Uhr war er nicht mehr im Hause; Emil war ausgegangen. — Das
Mutterherz wallte, es war tief innerer Harm und Verdruß. „Gehört er nicht mehr ,
mir?" dachte und sprach sie still bei sich, und weil sie sich selber auf diese Frage die
Antwort schuldig blieb oder doch nur ein halbes Ja erwidern konnte, d'rum fühlte sie
es wie Messerstiche in ihrer Brust. Das Mutterherz kann Viel ertragen, denn der
Schmerz und das Weh ist seine eigentliche Sphäre, aber bluten kann es auch, wenn