Ausgabe 
28 (29.3.1868) 13
 
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f* gleich nach Innen. Jedoch ist es ein Kunststück für das Kind, die Mutter zu erbittern,so leicht gelingt's nicht; denn der Mutter Liebe ist überschwenglich reich. Wiederum suchtesie die Ruhe nicht; sie wachte, sie litt, sie betete. Die Stunden schlichen wiederum lang-samer hin, eine noch kriechender und langsamer, als die andere. Neun Uhr, zehn Uhr,elf Uhr waren verstrichen; die Mutter bebte, sie zitterte. Das Maaß, es war gefüllt,^ es war überfüllt, der Augenblick der Entscheidung war gekommen.Gott hilf mir;"rief sie laut, während sie beide Hände an die Stirne drückte, und der Himmel half ihr,

um sie stark, um sie standhaft zu machen. Auch zwölf Uhr war verstrichen, da klin-

gelte es leise. Die Mutter schlich hinab und öffnete. Emil schaute ungestüm durch dieSpalte der Thüre, sein Gesicht bekam einen Ausdruck, als ob er ein Gespenst gesehen;er war betäubter, wirrer, als an den Abenden zuvor, und doch war es, als ob starkeZugluft über den Nebel seines Herzens bliese, er dachte klar und fest. Wie ein Blitz-strahl hatte das Bewußtsein von dem, was er seiner Mutter gethan und was er jetztvor ihr war, in seiner Seele gezündet. Er lehnte an die Hauslhüre, senkte den Kopf,wurde blaß wie eine Leiche und sann vor sich hin; dann machte er mit der Hand eineBewegung, als ob er nach der Hand seiner Mutter suche. Halb hob er den Kopf; aberals sein Auge eben das Gesicht der Mutter gestreift, da schrack er auf's Neue zusammen,

es wurde ihm furchtbar bang; er drängte sich an der Mutter vorbei und eilte stolpernd

die Stiege hinauf seinem Zimmer zu. Daß nunmehr eine tief aus dem Herzen kommende, Neue am Eise seiner Seele brach und thaute, das ahnte, das wußte das treue Mutter-^ herz. Mit schwankendem Schritte ging sie ihrem Sohne nach, die Stiege hinauf, überdie Gänge aus sein Zimmer. Er hatte sich, angekleidet, wie er war, auf sein Bett ge-

worfen, lähmender Schrecken und aufregender Sturm wechselten in seiner Seele; erwälzte sich hin und her, er schlug mit den flachen Händen seine Stirne: die Mutterliebehatte ihn 'säst zur Verzweiflung gebracht. Als die Mutter auf sein Zimmer trat, warder ruhig; kaum eine Fiber seines Körpers zuckte. Die Mutter sagte Nichts; aber derHimmel schenkte ihr trotz des Sturmes der Gefühle Licht und Kraft. Das Crucifix rißsie von der Wand, das seit jungen Tagen neben dem Bette ihres Sohnes hing, fürbesten Lcidcnssprache der Sohn aber lange Zeit taub gewesen; schweigend preßte sie esin seine Hände. Dann bog sie sich schweigend über ihren Sohn der lag regungsloswie zuvor und während sie einen innigen, langen Kuß auf seine Stirne drückte, sankdarauf nieder eine Perle, kostbarer als Diamant, eine einzige Mutterthräne, voll undheiß. Und die Thräne hat gebrannt nicht blos auf der Stirne, sondern sie hat durch-gebrannt bis auf's Herz und hat einen Schmerzcnsbrand entzündet im Herzen und hatden Wust am Herzen erweicht und der Reueschmerz ist geworden zum Feuer, das dieSeele mild durchstrahlte und wiederum anfing zu erwärmen. Schweigend ist die Mutterdarauf vom Zimmer gegangen; sie hat den Sohn mit dem Gekreuzigten und der Thräneallein gelassen. An allen drei Abenden hatte sie kein Wort gesagt und doch durchSchweigen die Hölle überwunden. Am andern Morgen ist sie frühzeitig wieder auf das» Zimmer ihres Sohnes gegangen, und als diesem die Thränen hervorbrachen wie einheißer Strom, und er den Kopf abwandte vor Reue und Scham und doch die Armeausbreitete mit erwachtem kindlichem Liebesdrang, wie um Abbitte zu thun dem gequältenund doch so treuen Mutlerherzcn, und als die Mutter da seinen Kopf an ihrem Herzenverbarg und Beide zusammen weinten war's Wchmuth oder ticfinnige Freude?und fragte:Gehörst Du jetzt ganz wieder mir? dann weine nicht mehr!" da hatder Sohn tief aus Herzensgrund einJa, Mutter!" hervorgeschluchzt und diesesJa"^ hat er bis auf die heutige Stunde der Mutier treu gehalten.

Weil die Mutter ihn wiederum ganz an sich gefesselt, lebte er während der freienZeit fast ausschließlich im herzlichen Verkehre, im trauten Gespräche mit ihr. Der Schatzdes Kindesherzens brach wiederum auf: die lieblichen Bilder und Erinnerungen seinergottcsfürchtigen Jugendzeit stiegen daraus hervor und umwoben die Seele mit neuem