Himmel und neuer Lebenslust. Gerade damals hielt ein gelehrter Ordensmann, derberühmte Prediger L . . . allabendlich Predigten, deren bewältigende Kraft die Zuhörerso hinriß, daß jedesmal ein großer Strom von Menschen in den Hallen der umfang-reichen Kirche die Kanzel umwogte. Was der Redner mit dem Schwerte der Wahrheitverwundet hatte, das heilte er wiederum durch den Balsam der Gnade. An manchenGott abgewandten, verweltlichten Herzen wirkte sein Wort Wunder der Bekehrung. Diesanfte Ermahnung der Mutter hatte bald so viel erreicht, — denn sie hatte ja ihresSohnes Herz in der Hand, — daß der Emil sich auch mitten in das Gedrängeder überfüllten Kirche hineinstellte und aufmerksam am Munde des gottbegeistertenRedners hing.
Der Taumel, der Leichtsinn war verschwunden! ein sinniges Nachdenken, eine gründ-liche Selbsterforschung war über ihn gekommen; seine innere Besonnenheit spiegelte sichin Haltung und Gebärde. Nach einiger Zeit — es war Samstag Nachmittag — bater den Vater, ihm für den Nachmittag die Comptoir-Arbeit zu erlassen. Durch einigeStraßen ging er, dann stand er vor der Pforte eines großen Hauses, dessen Aeußcreskeineswegs einem Kloster glich. Nachdem er die Glocke gezogen, trat aber ein Qrdcns-Bruder mit schwarzer Tracht in die Pforte, nach einigen Worten der Verständigung warder eingelassen und in die Kapelle geführt. Wie wohlthuend strahlte ihm der Schein desewigen Lichts in dem halbdunkcln Bctzimmer entgegen, er kniete nieder auf die Bank —am Beichtstühle und beugte demüthig das Haupt. Bald trat der Pater L. . . in dieKapelle und was Beide während einer Stunde mit einander verhandelt, das mochte manleichtlich am folgenden Sonntag Morgen errathen, als Emil, in Andacht zerflossen, nebenseiner Mutter an der Kommunionbank der Himmelfahrtskirche kniete. Seitdem ist Emilwieder ganz glücklich und seiner Mutter gegenüber ganz Kind geworden. Dagegen zeigter im Verkehre mit Anderen und im Geschäft die ächte Männlichkeit; fester und gemessenerist er jetzt noch mehr, als früher. Wenn aber später zuweilen ein schwacher Augenblickwieder im Kommen war und der Sohn nach Schluß des Comptoirs auf Stock und Hutschielte, als ob er doch wieder einmal die Mutter lassen und die alten Kameradschaftenaufsuchen wollte, dann hat die Mutter ihm nur leise in's Ohr gesagt: „Wem gehörstDu denn, Emil?" Und dann ist der Emil wieder schweigsam und still geworden, hatder Mutter darauf die Hand gedrückt und gesagt: „Ja Dir, Mutter, Dir!" — Undnie mehr hat die Mutter ihm so spät die Thüre aufmachen müssen.
Der Salat Sixtus l
Bekannt genug sind die Verdienste des oben genannten Papstes, welcher in schlimmerZeit und unter bedrängten Verhältnissen nicht nur die Rcligionsangclegenhciten ordnete undförderte, sondern auch merkwürdige Bauten, Wasserleitungen u. dgl. ausführen ließ, denRäubereien steuerte, Gesetzbücher entwarf und überhaupt das Wohl des Kirchenstaates viel-fältig hob und mehrte. Zahlreiche Biographen haben dem großen Manne Gerechtigkeitwiderfahren lassen; doch ist, so viel uns erinnerlich, in keiner derselben die nachstehendeAnekdote enthalten, obwohl sie bis zur Stunde in einem italienischen Sprichworte fortlebt.
Sixtus hatte einen Jugendfreund, mit welchem er im herzlichsten Einvernehmenstand, als er noch ein armer Klosterbruder war; dieß Verhältniß dauerte fort, als derEine Advokat geworden und der Andere auf der Stufenleiter der geistlichen Würden schonbis zum Kardinal emporgestiegen war. In der letzten: Zeit jedoch zog der Jurist, wahr-scheinlich aus Bescheidenheit, sich mehr zurück. Aber erst als Sixtus den Thron bestiegen,löste sich das Band gänzlich, und der heilige Vater wußte zuletzt nicht einmal, daß seinFreund, dessen Name sich in keiner Chronik findet, in Rom selbst lebte, aber zur tiefstenVerarmung herabgesuuken war.