Ausgabe 
28 (29.3.1868) 13
 
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Noth und Kummer um seine Familie stürzten den unglücklichen Advokaten .endlichin eine Krankheit, deren Behandlung ärztliche Pflege bedurfte, weßhalb ein Heilkundigergerufen wurde, welcher zufälliger Weise der Leibarzt des Papstes war; dieser würdigeHerr intercsfirte sich lebhaft für den Leidenden, einen Mann von Bildung und edlem Charakter,und unterhielt sich mit ihm öfters stundenlang. Auf solche Weise kam der Arzt eines Tage«auch zur Kenntniß der früheren Geschicke seines Patienten und seiner ehemaligen Freundschaftmit Sixtus V.Er beschloß sogleich, dem Papste davon Nachricht zu geben, da es ihn beidem Charakter des Kirchenfürsteu wunderte, daß selber bloß des Standesnnterschicdes wegenso Plötzlich von einem langjährigen Freunde sich sollte losgesagt haben. Ueberdießhoffte er auf eine reichhaltige Hilfe für seinen Klienten.

Am andern Morgen, als er seinen pflichtmüßigcn Besuch im Vatikan abstattete,brachte er durch eine geschickte Wendung das Gespräch auf seinen Schützling, dessen Lageer ergreifend schilderte und dabei zu verstehen gab, die Krankheit des Advokaten sei mehrMoralischer Art, nämlich Hcrzleid um den trostlosen Zustand seines Hauswesens undGeld als die sicherste Arznei zu betrachten. Zum großen Erstaunen des Doktors unterbrachder heilige Vater, welcher überhaupt kein Freund langer Gespräche war, plötzlich diesenVortrag und verabschiedete den Hcilkünstler.

Ziemlich irre gemacht in seiner Ansicht von dem Herzen des Fürsten erschien unserAeskulap Tags darauf wieder im Kabinctc des Papstes, welcher ihn lächelnd empfing undihm sagte:Mein lieber Doktor, ich war ein großer Verehrer Eurer Kunst, die ichgerne selbst studirt haben würde, wenn mein Beruf mich nicht anderswo hingefordert hätte.Indeß pfusche ich von Zeit zn Zeit ein wenig in Euer Fach und habe dieß auch gesterngethan. Was für ein Medikament habt ihr dem Advokaten verordnet, von welchem Ihrmit mir gestern spracht?"

Heiliger Vater," versetzte der Arzt,da sein Leiden physisch eben nicht viel Heil-'Mittel anspricht, so gebe ich ihm bloß eine Unze englisch Salz."

Englisch Salz?" entgegnete Sixtus,sollten wir denn in Italien keine Ingredien-zien haben, die für solche Uebel taugten? Seht, Doktor, ich habe bei diesem PatientenEure Stelle vertreten und ihm einen Salat geschikt, der, wie ich glaube, ihm nicht übelbekommen wird. Was meint Ihr dazu Doktor?"

Einen Salat?" fragte der verdutzte Heilkünstlcr,mein Gott, wenn der nutzt,so ist es kein geringeres Wunder als alle, die wir Eurer ^Heiligkeit Energie im Kirchen-staate verdanken. Einen Salat!"

Er schien sich von seinem Erstaunen nicht erholen zn können.

Der Papst lachte recht herzlich über die Verlegenheit des Doktors und beurlaubteihn mit den Worten: Diese Kundschaft müßt Ihr mir überlassen mein guter Freund;ich hab niir's in den Kopf gesetzt, den Mann zu kuriren, und mit Eurem Honorarewürde es ohnedicß schmal ausfallen."

Unser Arzt, kaum aus dem Vatikan entlassen, hatte nichts Angelegentlicheres zuthun, als zu dem Advokaten zu eilen, welchen er außer dem Bette, sehr heiter und involler Genesung fand.Mein Gott ", rief er dem Nekonvalcszenten zu,zeigt mirdoch den gebenedeiten Salat, welcher dieses Mirakel gewirkt hat; das ist ein Panzer,welcher der Hcilknnst nicht entzogen werden darf."

Der Advokat führte den Doktor nun zu einem .Korbe in der Ecke; er schien mitCichorie gefüllt allein unter diesem Gewächse fand sich eine beträchtliche Anzahl vo»Zechinen und ein herzlicher Brief des Papstes, welcher dem Freunde Vorwürfe machte,daß er ihrer alten Zärtlichkeit vergessen, und ihm dabei eine bleibende Unterstützungzusicherte. Weinend umarmten sich die beiden Männer, gleich erfreut über die Schicksals-änderung des Advokaten, als über die neuerdings bewährte Hcrzensgüte des große«Kirchenhortcs.

Mit einer solchen Arznei", sagte bei seiner nächsten Visite der Doktor zum Papste