Ausgabe 
28 (29.3.1868) 13
 
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würd' ich freilich mehr Kranke retten, als mit allen Bestandtheilen der lateinischenKüche; leider aber hat uns HippokrateS das Rezept dazu nicht überliefert."

Mein Freund", erwiederte SixtuS,ich würde gerne dasselbe Mittel für alleKrankheiten anwenden; aber es ist doch nicht immer am rechten Platz, und der Vorrathdavon kein unerschöpflicher."

Die Geschichte des Advokaten wurde bald in Rom wie in ganz Italien verbreitet,und noch heut zu Tage pflegt man, wenn es sich um einen Fall handelt, wo Geldhilfenöthig wäre, zu sagen: ,,6i vorrebdö I'insalukn cki 8islo V. (Hier bedürfte es dcSSalats SixtuS V.)".

DerLeichenschmaus" und seine Geschichte.

Die uralte Sitte, nach der Beerdigung eines Verstorbenen sämmtliche Leidtragendein dem Trauerhause mit einem mehr oder weniger splendiden Schmause zu regaliren, istnoch jetzt, namentlich auf dem Lande ziemlich weit verbreitet. Nicht selten schließt dasMahl mit einem Räuschchen, und das Leid verwandelt sich in Freude.

Ein solcherLeichenschmaus" verletzt allerdings das Gefühl eines jeden Gebildeten,allein man vergesse nicht, daß er auf dem Lande meist durch die Umstände geboten wird.Die Leidtragenden haben in der Regel einen weiten Weg zurückzulegen, um dem Todtendie letzte Ehre zu erzeigen, und so ist nach der Bestattung ein Genuß von Speise undTrank ein Bedürfniß, für dessen Befriedigung das Trauerhaus zu sorgen hat. Sodannwolle man erwägen, daß dieser Gebrauch ein Ueberrest aus der ältesten Zeit ist, dessenExistenz sich bei den meisten Völkern nachweisen läßt.

Indem eigentlichen Volksstamme, beim Landmanne also, erhalten alte Sitten sich amlängsten, weil seine im Ganzen einförmige Lebensweise Neuerungen nicht begünstigt. Inden Städten verschwinüen sie dagegen schneller, und doch hat sich auch hier noch jener alteGebrauch in mehr oder minder großem Umfange erhalten.

Man darf sich nicht wundern, daß eine solche Sitte schon früh entstand und Wurzelfaßte. Je theurer und lieber ein Verblichener den Seiuigcn und seinen Freunden war,uix^so natürlicher regte sich auch das Verlangen, nach seiner Bestattung sich noch einmalsein^Leben gemeinsam zu erörtern. Und je zerstreuter anfangs die Menschen wohnten, jemehr sie darum die Gastlichkeit des Trauerhauscs in Anspruch nehmen mußten, und je ge-heiligter das Gastrecht war, um so mehr mußte die gemeinsame Trauer zur gemeinsamenTrauermahlzeit führen, wobei sich denn gar bald auch Prachtlicbe und Eitelkeit geltend zumachen suchten.

So finden wir schon bei dem ältesten Volke, von dem wir genauere Nachrichtenhaben, bei dem israelitischen, solche Leichenmefsen erwähnt. Der Prophet Ieremias drohtseinen Zeitgenossen, daß sie sterben würden, ohne beklagt zu werden, und ohne daß manBrod austheile, sie zu trösten bei einer Leiche. In gleicher Weise droht Hesekicl, daßIsraels Volk keine Todteuklagc führen und nicht das Trauerbrod essen soll. Und von demjüdischen König Archelaus, (zur Zeit der Geburt Christi) erzählt Ioscphus, daß er umseinen verstorbenen Vater Hcrodes zu ehren, das ganze Volk bewirthet habe.

Auch bei den alten Griechen und Römern finden wir die Sitte des Leichenschmausesallgemein verbreitet. In späteren Zeiten machte sich, vornehmlich bei den Römern, derLuxus auch in dieser Beziehung gewaltig breit, und es gesellten sich, um das Andenkender Todten zu feiern, seit Julius Cäsars Zeit die grausamen Fcchterspiele hinzu, indenen oft Hunderte ihr Leben verloren. Ein eigentliches Todtenmahl fand aber schonJahrhunderte lang vorher und zwar in doppelter Weise statt. Man bereitete zunächst fürden Todten selbst ein Mahl, welches auf dem Scheiterhaufen (bekanntlich wurden dieLeichname zu Asche verbrannt) oder in der Nähe desselben verbrannt wurde; oft rissen diehungrigen Bettler sich um diese Bissen, die in der Regel der elendeste Koch bereitet hatte.