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Um einen solchen Koch zu bezeichnen sagte man: „Uortuis cosnain coquat" (d. h. „Ermag für die Todten kochen.") Sobald diese Ceremonien beendet, begaben sich die Leid-tragenden nach dem Trauerhause um den Leichenschmaus einzunehmen ; man sprach von demAbgeschiedenen, indem man seine Thaten, Verdienste und Tugenden rühmte. Reiche Leutebewirtheten außerdem eine große Volksmenge. Julius Cäsar ließ zu Ehren seiner verstor-benen Tochter ganz Rom zu Gaste laden und zu diesem Zwecke 22,000 Tische decken.
Daß diese Sitte sich auch durch das Christenthum nicht verlor, ist natürlich, ebenweil sie so sehr in der Natur des Menschen und seiner Verhältnisse lag. Die zum Christen-thum übergetretenen Griechen und Römer setzten nur fort, was bisher bei ihnen gebräuch-lich gewesen. Ebenso hegten die zum Christenthume bekehrten germanischen und slavischenVölkerschaften mit Vorliebe einen Gebrauch weiter, der auch bei ihnen längst heimisch ge-wesen. Derselbe hat sich denn auch bis auf nnserc Tage hier und da erhalten, wenn auchnicht mehr in dem früheren Uebermaß. Man kann denselben gutheißen, wenn sein ursprüng-licher Zweck — dem Todten eine Stunde gemeinsamer Erinnerung zu weihen, im Augebehalten wird und die Feier nicht in ein wüstes Gelage ausartet.
Das Klavier der unglücklichen Marie Antoinette .
Ein Kanonier der National-Garde von Paris nahm mit seinen Gefährten am20. August 1792 Besitz von den Tuilerien. In den Musiksaal gelangend, sah er,.wieeine Anzahl Sieger sich mit großem Eifer abmühte, das Klavier der Königin MarieAntoinette in den Garten hinab zu werfen. Bereits war das Instrument auf dasFenster gehoben, als der Bürgersoldat der Schaar ein „Haltet ein!" zurief. „So laßuns doch", antwortete man ihm; „die Gerechtigkeit des Volkes muß ihren Lauf haben!Warum sollen wir übrigens auch diesen Kasten schonen, da die übrigen Möbel bereitsden Sprung hinab gemache haben? Es muß hier ausgeräumt werden; die Spiegel sindzerschlagen, die Gemälde zerschlitzt — warum sollte der vergoldete Kasten ein besseresSchicksal verdienen, da er doch dem Volk nichts nützen kann?" „Dieser Kasten", ent-gegnen der Kanonier, „birgt unsere patriotischen Lieder in sich, ich will ihn gleich ver-anlassen, sie hören zu lassen. Setzt ihn wieder herab, und wenn seine Töne verklungensind, werdet Ihr ihn gewiß begnadigen." Und der Kanonier spielte auf dem königli^nKlavier „lsn irn," die Carmagnolc und die Marseillaise , und die entzückte Schaar sielsingend ein. Nun durfte das Klavier, das die beliebten National-Mclodicn „sang",dessen Töne die Fanatiker zur Begeisterung hinrissen, nicht mehr leiden; die Schaar brachtedemselben vielmehr ihre Huldigung dar. Es gelang dem Kanonier, die Anwesenden ausdem Saal zu treiben, und das Klavier war gerettet. Jener, der früher Stimmer desKlaviers der Königin gewesen, ward später Hauptmann und erstand dasselbe bei der Ver-steigerung des Mobiliars der Königin Hortcnsc, im Jahre 1814, mit Thränen in denAugen.
(Knicker und König.) Es war Anfangs der dreißiger Jahre, an einem ziem-lich kalten Wintcrmorgcn zwischen 10—11 Uhr, als ein Student in den den Hofgartenzu München umgebenden Arkaden mit einem Buche in der Hand rasch auf- und abging.Dies mochte einem sehr einfach gekleideten Herrn auffallen; denn er trat auf ihn zu undfragte, „was er denn da treibe?" Die Antwort lautete: „er studire." Als nun derHerr meinte, es wäre doch besser, wenn der Herr Studiosus solches Studircn zu Hausebetreibe, als da im Freien bei der Kälte, bemerkte der Student: „In seinem Zimmersei es noch kälter, denn das sei so klein, daß zum Bewegen kein Raum wäre, und zumHolz hätte er kein Geld." Da lächelte der Herr und sagte etwas sarkastisch: „Dazulange es wohl nicht, weil eben Bier, Tabak rc. rc. zu theuer seien." Dem widersprachaber der Student und zeigte seine Legitimationskartc vor, die ihn als „Stadttheologen"