Ausgabe 
28 (5.4.1868) 14
 
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Pfeffer s Leiden.

Aus dem Lagebuche eines jungen Arztes.

Pfeffer hatte seine Studienjahre in angestrengter Thätigkeit verlebt; er war derAtzneikunde mit vollster Liebe ergeben und so eben aus dem Staats - Examen glänzendhervorgegangen. Somit hätte er also glücklich und zufrieden sein sollen. Aber ei»junger praktischer Arzt ist eines der unglückseligsten Wesen. Warum?

Die Menschen wollen nur von erprobten Aerzten geheilt oder auch nicht geheiltwerden, und bedenken selten, daß zur Erprobung auch Gelegenheit gehört. Mancherjunge Arzt ist am Krankenbette weit aufmerksamer, bedachter, sorgsamer, als ein alter,der hin und wieder einen schlaffen Schlendrian für Gewandtheit der Erfahrung, und einrasches Urtheil für Scharfblick gelten läßt.

Da legt sich denn oft solch' ein junger Arzt, wenn er sich an alten und neuenmedizinischen Zeitschriften müde gelesen hat wobei er ängstlich auf jedes Geräuschaufhorcht, ob nicht etwa ein Hülfesuchendcr sich an seine Thür verirrt endlich, nachlangem, vergeblichem Harren in's Fenster, und unglücklicher Weise rennt ein Arzt nachdem andern geschäftig an demselben vorbei, fährt ein Wagen nach dem andern, i»welchem ehrwürdige Gebieter über Leben und Tod gravitätisch sitzen, eilig vorüber. Derarme Mann am Fenster denkt in dem Momente nicht an die glänzenden Einkünfte seinerCollegen, nicht an ihre bedeutende Stellung, als Leibärzte vornehmer Herren und Damen er beneidet sie eigentlich nur um den kranken Taglöhner, zu dem sie eben miß»muthig die vier Treppen hinaufklettern, und denkt: Wie freudig würde ich zehn Maldes Tages zu dem Manne hinaufspringen, wenn er mich zu seinem Arzt auser-wählt hätte!

So ging es unserem Pfeffer. Seit vier Wochen war er approbirt und vereidct,vier Wochen schon prangte an seiner Hausthür das weiße Porzellan - Schild mit dengroßen goldenen Worten:Doctor Pfeffer, praktischer Arzt, Operateur und Geburts-helfer," daneben der glänzend polirte Klingelzug und noch immer hatte kein Menschvon diesen einladenden Worten Notiz genommen, noch war dieser Klingelzug von keinerängstlichen Hand zur Nachtzeit ergriffen und hastig gezogen worden.

Die zehnte Abendstunde des neunundzwanzigsten Tages seiner ärztlichen Laufbahn,bei der er leider nichts zu laufen hatte, war vorüber, verdrießlich ging Pfeffer zu Bettund versuchte einzuschlafen. Es wollte ihm bei seiner aufgeregten Stimmung schwer ge-lingen. Endlich versank er in einen Halbschlummer da war's Wahrheit oderTäuschung? Pfeffer dachte nicht so lange nach, als es Zeit braucht, diese Worteniederzuschreiben er hatte klingeln gehört und war mit einem Sprunge aus dem B^ttund am Fenster. Aber er sah nichts und hörte nur aus der Ferne das höhnische Ge-lächter einiger Buben, die sich ein Späßchen daraus gemacht hatten, an der Klingelzu ziehen.

Das Fenster ward wieder zugeschlagen, wobei eine Scheibe zersprang, die Luft zogfrei durch die Lücke ein. Pfeffer ging, wie ein Philosoph, mit gemessenen Schritten zuBette und stellte Betrachtungen an über getäuschte Hoffnungen.

Wieder begann Morpheus einige Mohnkörner über ihn auszustreuen da zog eSvon Neuem an der Klingel. Diesmal erhob sich der junge Doctor langsam, wie es derWürde eines Arztes geziemte. Werde ich abermals gefoppt? dachte er stirnrunzelnd.Doch er stand auf. Da klingelte es schon wieder. Halt! ich will mich doch we-nigstens nicht auslachen lassen! Er drängte sich an den Fensterpfciler und schautevon der Seite, ohne von unten bemerkt werden zu können, durch die zerbrochene Scheibe.Da erblickte er einen Strohhut, der sich vvm Monde romantisch beleuchtet vor der Haus-thür hin und her bewegte. Nun war das Fenster auch bald geöffnet.BcrchrtesterHerr Doctor!" klang eine bittende Mädchenstimme von der Straße heraufnch-