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men Sie es nur nicht übel, daß ich Sie so spät incommodire!" — „Keineswegs, mein ^
Fräulein! Soll ich mitkommen? Ich bin den Augenblick bei Ihnen!"-„Ach
nein, vcrehrtester Herr Doctor, ich bin ja nur das Kammermädchen von der Frau Gräfin ,
hier aus dem Hause; ich habe mit meinem Geliebten, dem Kammerhusaren des GrafenOlszewski eine kleine Promenade im Mondscheine gemacht, und da haben wir uns etwasverspätet. Nun bin ich so frei gewesen, bei Ihnen zu klingeln, und wollte Sie bitten, ^es ja nicht übel zu nehmen und mir den Hausschlüssel herunterzuwerfen, und ich werdeIhnen denselben morgen in aller Frühe mit dem schönsten Danke wieder zustellen. —
Aber Sie sind doch nicht böse, verchrtcstcr Herr Doctor!"
Der verehrteste Herr Doctor konnte vor Aerger kein Wort antworten, holte denHausschlüssel herbei, warf ihn zum Fenster hinunter, daß er auf den Strohhut dernachtwandelnden Kammerzofe siel, schlug das Fenster wieder klirrend zu und sprangin's Bett.
Jetzt schien es mit seinem Schlaf vorbei zu sein, er warf sich hin und her, dachtean alle seine lustigen Bekannten, dachte an die längsten Krankengeschichten in den neuestenmedicinischen Journalen, doch nichts wollte wirken; endlich las er sogar den „BayerischenStaatsbürger," der inzwischen für immerdar entschlafen ist, und schließlich noch die„Schwäbische Eilpost," welche dem Staatsbürger nacheilt, doch auch dies fruchtete nichts.
Nun löschte er das Licht wieder aus und legte sich rcsignircnd auf sein Kopfkissen.
Da — o ihr neckischen Geister der Nacht! — klingelte es wieder, aber ganz leise,wie von einer schüchternen, furchtsamen Hand.
Gibt es noch mehr in Liebe und Mondschein schwärmende Kammerzofen hier imHause? — war sein erster Gedanke. Sein zweiter: es läge doch wohl in der Möglich-keit, daß sich endlich das Geschick und ein Kranker seiner erbarmt hätten. Bevor er Zeitgewonnen, einen dritten zu fassen, war er aus dem Bette und am Fenster.
„Was wünschen Sie?" — Wohnt nicht hier ein Doctor?" — „Zu dienen!" —„Erbarmen Sie sich und kommen Sie mit mir! Meine Mutter liegt in den heftigste« »Krämpfcn!" —
Mitkommen — heftigste Krämpfe — diese Worte elektrisirten unsern Doctor. —
„Bald, bald!" rief er, und wäre in einer Minute angekleidet gewesen, wenn das Sprich-wort: „Eile mit Weile" nicht gar zu wahr und nicht die Hastigkeit die Mutter derVerwirrung wäre. So kam es, daß er erst den einen Stiefel, dann die Weste verkehrtanzog, und außerdem noch einige Kleinigkeiten an die unrechte Stelle brachte und endlich,als er nach dem Hut griff, in der Hast einen Todtenschädcl erfaßte, der ihn im fahle«Mondlicht grinsend anstierte. Aergerlich schleuderte er das Knochenhaupt von sich undlief ohne Bedeckung davon. Die Treppe flog er hinab, schon stand er an der Haus-thür, schon hatte er die Klinge ergriffen und drückte, da fiel ihm erst ein, daß die Thürverschlossen und sein Schlüssel in den Händen der in Liebe und Mondschein schwärmen-den Kammerzofe sei.
Jetzt war es mit seiner Geduld Matthäi am letzten! O Schicksal! O Glücks-und Unglücksnacht! — rief er und er hätte heulen mögen vor Wuth. Wie Simson audem Pfosten des Philister-Gebäudes, rüttelte er an dem Schlosse der Thür, doch daseiserne Schloß knarrte nur und rührte sich nicht. „Kommen Sie bald, Herr Doctor?
Haben Sie Erbarmen, eilen Sie!" jammerte draußen eine zarte Stimme, daß demDoctor das Herz aufging in Mitgefühl, und immer knarrte und rasselte die Thüre undwollte nicht aufgehen. Nach langen vergeblichen Versuchen sah er endlich ein, daß maunicht mit dem Kopf durch die Thür rennen kann, und entschloß sich, — da ihm nichtsAnderes übrig blieb, — das Schlafgemach des von Liebe und Mondschein träumendenKammermädchens aufzusuchen, um seinen Hausschlüssel wieder zu fordern.
Das Haus, in welchem er wohnte, hatte drei Stockwerke, die sämmtlich bewohntwaren; in jedem Stockwerke befand sich eine Reihe von Thüren, von diesen sollte er nun