Ausgabe 
28 (5.4.1868) 14
 
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^ die Einzelne herausfinden, hinter welcher die verwünschte Kammerzofe schlief, die er alseine böse Fee, als die Quelle all' seines Unheils betrachtete. Er stieg die Treppe hin-, auf; ging an der Wand herum, wie betäubt vor Aerger, und sing nun an der erstenThür, auf die er stieß, erst leise, dann immer nachdrücklicher zu pochen an. Niemandließ sich vernehmen. Er legte sein Ohr an's Schlüsselloch, Alles war still darin. End-^ lich legte er die Hand auf die Klinge, sie gab nach, die Thür sprang auf, er blickte in'SZimmer, da grinste ihn vom Fußboden, vom fahlen Mondschein beleuchtet, ein Todten-

köpf entgegen! Alle! --Nein, das ist zu toll! Er Hatte in der Verwirrung

fünf Minuten lang an seine eigene Stubenthür gepocht! Er ließ die Thür offen undtappte weiter. Endlich gelangte er an eine Thür, durch die ein vernehmbares Hustendrang. Krankhafte Zustände haben für jeden Arzt eine besondere Anziehungskraft. Soklopfte denn Pfeffer leise an die Thür. Ein Mops fing an zu bellen, ein Paar auSdem Schlummer aufgeschreckter Katzen zu miauen und ein gewaltiges Husten tönte grelldazwischen.

Wer klopft?", rief eine weibliche Stimme.

Der Toctor stotterte in der größten Angst und Verlegenheit:Schläft vielleicht i«diesem Zimmer das Kammermädchen der Frau Gräfin?"

Von Neuem donnerte ein gewaltiges Husten durch das Zimmer und dazwischen er-tönten die Worte:Welche Unverschämtheit! Um diese Zeit nach der Dirne zu fragen!Zch werde sogleich meinen Kutscher wecken, damit er Ihm den Weg weise."

Vergebens versuchte der Doctor dieses traurige Mißverständniß aufzuklären; erkonnte den reißenden Strom der gräflichen Rede nicht hemmen.

Da klapperten ein Paar Pantoffeln in der Nähe, und von der oberen Trepp«herunter stieg die von Liebe und Mondschein angehauchte Kammerzofe. Sie hatte dcuLärm gehört und geglaubt, die gnädige Frau rufe nach ihr.

Ein Dieb! ein Dieb!" schrie das Mädchen, als sie den Doctor an der Thür ihrer^ Herrin erblickte, und wollte fliehen. Der Doctor eilte ihr nach, aber das Mädchen schrieZeter Mordio. Da ertönte vom Hofe empor eine derbe Baßstimme:Was geht denndort oben vor? was ist das für ein Spektakel?"

Johann, kommt herauf!" schrie die Gnädige aus der Stube.Er packt mich!"jammerte das Kammermädchen. Der Doctor rang mit Angst und Wuth.So hörenSie mich doch an!" rief er zähneknirschend; doch das Mädchen schrie nur und wolltenicht hören.

Jetzt ertönten feste Männertritte auf der Treppe, und um nicht schließlich noch unterdie Fäuste eines Kutschers zu gerathen, ließ er die Zofe los und eilte nach seinem Zimmer.

Der Kutscher kam herauf.Was ist denn hier los?" ,;Ach!" schrie das Kammer-mädchen,er hat mich gepackt!"Er wollte ja aber zu Dir, freche Dirne!" schriedie Gnädige hinaus.

Aber wer denn?" fragte der Kutscher,es ist ja Niemand hier."

Wie? Er ist fort? Mein Gott, am Ende war's ein Geist!" Ach, derGeist des selige» Tapezicrs-Gesellen, der vor Gram gestorben sein soll, weil ich ihmeinen Korb gab. Ach! nun verfolgt er mich."

Jetzt trat der Doctor mit Licht aus seiner Thüre. Da er wohl einsah, daß es beider tragi-komischen Wendung der Dinge das Beste wäre, den Schein anzunehmen, alswüßte er nichts von dem Vorgänge, so stellte er sich selbst verwundert, forderte aber so-gleich den Schlüssel von dem Gespenster sehenden Kammermädchen, indem er den Zufallpries, der sie ihm enlgegenführtcj da er zu einer Kranken aus dem Hause müßte.

Den Schlüssel," sagte das Mädchen,habe ich Ihnen, Herr Doctor, mit Dankauf Ihre Thürschwelle gelegt, weit ich mir wohl dachte, daß Sie ihn in der Nacht nochbrauchen könnten."

Der Doctor griff nach der Schwelle, hob von da den Hausschlüssel ohne Dank auf.