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Hiß die Zähne zusammen, warf einen seltsamen Blick auf die Zofe und — flog dieTreppe hinunter.
Hastig schloß und riß er die Hausthür auf; — es stand Niemand mehr da. Erblickte um sich und sah eben einen in seiner Nähe wohnenden Collegen mit einemMädchen rasch vorübcreilen und hört dabei noch die Worte des Mädchens: „Ich habemich da drüben an der Thüre des Doctors, der mich hartherzig warten ließ und endlichgar nicht kam, so lange aufgehalten —'was wird meine arme Mutter machen?"
Sehr, sehr langsam stieg der Doctor die Treppe hinauf und Wochen vergingen,ehe er den Gruß der Zofe erwiederte, die niemals ahnte, wie schweres Leid sie ihmangethan! —
Cardillae, der Goldschmied von Paris .
Nach dem Französischen.
Im Herbste des Jahres 1680 ereigneten sich in Paris sonderbare Thatsachen.
Im Quartier de l'Arsenal, in der Gegend des Hotels St. Paul und der NurPetit-Musc, wurden wiederholt junge Männer, Söhne reicher Bürger, ermordet auf-gefunden. Die Wunden, die man an ihnen vorfand, waren immer derselben Art; eSmußte gut gezielt worden sein, denn jede war töbtlich und mit einem Dolche in derNähe des Herzens beigebracht.
Die gesummte Polizei von Paris wurde aufgeboten. Man suchte und lauerte,konnte aber nicht dem ersten Buchstaben dieses gchcimnißvollen Räthsels auf die Spurkommen. Ein bizarrer Umstand begleitete jeden dieser Morde, die in dem abgelegenenTheile von Paris stattfanden. Es hatte den Anschein, daß die Mörder nur Jene auf'sKorn nahmen, welche Schmuck trugen.
Und daß die Pariser zu allen Zeiten Liebhaber von Schmuckgegenständen waren,beweist Mercier in seinem „Tableau de Paris" durch folgende Anspielung: „Man hatTabatieren für jede Jahreszeit, die für den Wintergebrauch ist schwer, die für denSommer ist leicht. Man hat die Passion so weit getrieben, daß man die Dosen alleTage wechselte, und daß man nach der Tabatiere den Geschmack des Mannes beur-theilte. Man brauchte, um als Mann von Geschmack und Geist zu gelten, weder eineBibliothek, noch eine Gemälde-Sammlung zu besitzen, wenn man nur 300 Dosen undeben so viel Ringe hatte.
Der Handel mit Bijouterien war ein enormer, denn es war damals Modesache,-recht viel Geschmeide einzukaufen. Bei manchen Privaten fand man ein förmlichesMagazin von Juwelen, so daß man sich in ein Goldschmiedgewölbe versetzt glaubte. —Darin lag der Stolz und die Eitelkeit der Reichen.
Männer von diesem Kaliber waren es nun, welche im Quartier de l'Arscnal er-mordet vorgefunden wurden. Und da diese von den Mördern immer ausgeraubt wur-den, so kann man wohl denken, daß es damals eine große Gefahr war, Schmuck öffent-lich zur Schau zu tragen.
Zu jener Zeit lebte in dem genannten Quartier ein Juwelier, Namens Cardillae,der einen weitverbreiteten Ruf besaß. Niemand wußte mit mehr Geschmack einen Dia-manten, einen Smaragd, oder einen Rubin zu fasten.
Rens Cardillae, der für sein Handwerk fanatisch schwärmte, war ein Mann vonstrenger, ernster Erscheinung. Er war breitschulterig und außerordentlich muskulös ge-baut, und besaß in seinem fünfzigsten Lebensjahre noch die volle Frische der Jugend.Sein volles, rothes und gelocktes Haar, sein ausdrucksvolles, markiges Gesicht, charak-terisierten den Mann vollends.
Er war von seinem Metier so eingenommen, daß er zu sterben glaubte, wenn er-sich von einem Edelsteine trennen mußte.