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Wir sagten, daß seine Schmucksachen in Paris ein großes Rennomse besaßen, unddaß man ein Geschenk nur dann als vollendet und besonders wcrthvoll betrachtete, wennrS von Cardillac gekauft war. Und sonderbarer Weise wurden bloß jene Leute von denMördern angegriffen, welche seine Schmuckwaaren trugen.
Der Polizei-Lieutenant von Paris , d'Argenson, war über diese nächtlichen Attentateaußer sich. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, um auf die Spur zu kommen, undbeorderte schließlich einen der geschicktesten Agenten jener Zeit, Namen Degrais, aufdie Lauer.
Aber Degrais stattete einen merkwürdigen Bericht ab. — Er hatte gelauert undden Mörder in dem Augenblicke überrascht, als er über das ermordete Opfer herfiel, umihn zu berauben. Schon glaubte der Polizist den Mörder erfaßt zu haben, aber dieserentwand sich wie ein Aal den Händen des Agenten und verschwand rasch wie ein Blitzzwischen den Mauern einer Ruine, die sich in jener öden Gegend befand.
Degrais galt für den wüthigsten und listigsten Agenten, gleichwohl wagte er nicht,dem Mörder zu folgen, er meinte, der Teufel in Person habe sich zum Chef jenerBrigantenbande gemacht. Und seitdem wagten selbst die Häscher nicht die Nachtrondc zumachen, bevor sie sich nicht mit Weihwasser besprengt hatten, obschon sie überdiessämmtlich geweihte Amulette trugen.
Wer war aber wirklich der Urheber aller dieser Morde? — Es war, wie mannachträglich erfuhr, keine Bande — sondern eine einzige Person.
ES war Rens Cardillac, der Juwelier, der seine Käufer ermordete, um zuden Juwelen wieder zu gelangen, die er ihnen früher verkauft hatte.
Ich weiß nicht, wer einmal den Spruch gethan, daß Edelsteine auf gewisse Natureneinen so dämonischen Zauber ausüben, wie Faust's Schmuckkästchen auf Gretchcn. Esschien dies wenigstens bei Cardillac der Fall gewesen zu sein.
Cardillac hatte in seiner Wohnung eine antike Statue des heiligen Paul. Mittelsteines eigenen Mechanismus drehte sich diese Statue von selbst und eröffnete hiedurch einePassage in einen unterirdischen Gang, der in einem verfallenen Gemäuer endete. Hierzwischen den Ruinen wartete Cardillac auf die Opfer, die er überfiel,' ermordete undberaubte.
Sobald nun die Wache in Sicht kam, die den Mörder schon erwischt zu habenglaubte, verschwand dieser im Gemäuer durch eine, geheime Oeffnung und kehrte aufdiese Weise durch den unterirdischen Gang wieder in seine Wohnung zurück, ohne daßauch nur die Nachbarn eine Ahnung von der Abwesenheit Cardillac's gehabt hätten.
Ob vorstehende Erzählung wahr sei, kann freilich nicht verbürgt werden, da sie inden Annalen von Paris nirgends zu lesen ist. Aber die hundert Vorstellungen imAmbigu-Theater, in welchem Lemaitre die Rolle des Mörders Cardillac's spielt, habendiesem Manne eine solche Popularität in Paris verschafft, daß es Leute gibt, die nochgegenwärtig an der Ecke der Nue dc la Cerisaie den Punkt bezeichnen zu können glau-ben, durch welchen der Mörder in den geheimen Schlupfwinkel entschlüpft war.
(Glück im Spiele -— und Verderben im Leben.) Der Bahnwächter aufeiner kleinen Eisenbahnstation im Vcnetianischen hatte das „Glück," in der ersten heurigenZiehung der Zahlcnlotteric in Venedig einen Tcrno mit 1500 Lire (zu 40 Saldi) zugewinnen. Freudig erhob der stets gutmüthige, in den bescheidensten Verhältnissen lebendeMann den Gewinnst, diese unverhoffte Neujahrsbeschcerung, und kehrte, nach einem Schluckguten Weines, am Abende heim. In seinem Wächtcrhause zündete er zu allererst eintüchtiges Kaminfeuer an und breitete dann die Banknoten auf dem Tische aus, um sienochmals zu zählen. Sein dreijähriges Söhnchen guckte ihm dabei neugierig zu. Plötz-lich ertönt das Signal eines herannahenden LastenzugcS, der pflichttreue Wächter vegab