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sich allsogleich auf seinen Posten, von dem er erst nach Vorüberfahrcn des Trains zurück-kehrte. Welcher Schreck aber ergriff ihn bei dem Anblicke, der sich ihm nun bot! SeinSöhnchen stand am Kamine und unterhielt sich damit, die Banknoten in's Feuerzu werfen, so daß die Flamme hoch aufloderte. Das Kind wußte ja nicht, was eSthat. Das bedachte jedoch in der ersten Zornes- und Schmerzesaufwallung der unglück-liche Vater nicht — einem Rasenden gleich faßte er das schreiende Knäblein und schleu-derte es mit solcher Wucht gegen den Boden, daß es sofort mit zerschmetterter Hirnschaleden Geist aushauchte. Auf das Schreien und den Lärm eilte die Mutter, ihr jüngstesKind im Arme, herein, sah die Schauderscene und sank wie leblos zur Erde nieder —hiebet entsank ihr der Säugling, fiel und verschied sofort in Folge einer heftigen Gehirn-Erschütterung. Verzweifelnd rannte der Mann in die Nacht hinaus zur nächsten Stadtund stellte sich selbst, als dreifachen Mörder, dem Gerichte, denn er hielt auch seineGattin für todt. Ohne Zögern verfügte sich eine Commission nach dem Bahnwärter-häuschen — ihr schloß sich ein zufällig auf der Durchreise befindlicher deutscher Arzt an.Man fand das Weib des Bahnwächtcrs ohnmächtig, doch den Bemühungen des men-schenfreundlichen Arztes gelang es, sie wieder in's Leben zu rufen. Ob der Aermstendamit eine Wohlthat geschehen, das weiß nur Gott — sie steht jetzt allein in der weitenWelt, ihre Kinder sind todt und ihr Mann, deren unzurechnungsfähiger Mörder, istwahnsinnig geworden. Der Bahnwächter befindet sich nun in der Irrenanstalt, die ver-lassene Frau aber hat durch die humane Fürsorge des obenerwähnten Doctors wenigstensin einem benachbarten Orte zeitweilig Unterkunft und Pflege gefunden. — Der Italienerpflegt einem Feinde zu sagen: „Ich wallte, daß Du einen Ambo gewännest" — näm-lich, dann würde die gesteigerte Spiclwnth Dich verleiten. Dein Geld zu verlieren —dem unglückseligen Bahnwächtcr aber hat selbst das seltene Glück eines Tcrno zum Ver-derben gereicht. Bleibt darum nicht immer der beste Wahlsprnch: „Bete und arbeite!?"
(Der samintenc Oberpalier.) In den dreißiger Jahren herrschte inMünchen das regste Leben in der Kunstwelt. Wohin man auch kam, überall wurde ge-hämmert, gepinselt, gebaut; jener Franzose hatte so Unrecht nicht mir der Aeußerung:„München habe zweierlei Einwohner, solche, die bauen, und solche, die zusehen." KönigLudwig war früh und spät auf den Bauplätzen, um sich von dem Fortgange der Arbei-ten zu überzeugen; er trug mit Vorliebe einen schwarzen Sammtrock. Die Maurer,deren es Tausende in der Hauptstadt gab, nannten ihn unter sich nur den „snmmtcncnOberpalier." Die Pläne von allen Neubauten in München , auch die von Privaten,mußten ihm vorgelegt werden; mitunter corrigirtc er auch hinein, wie er denn ein Maleine schöne Zeichnung von Gärtner, die Fatzade des Staatsbibliothek-Gebäudes, mitBleististstrichen total ruinirtc, und dcni Architekten, als der König ihm seine Ausstellun-gen daran andeutete, bei dem Anblick seiner Arbeit Thränen in die Augen kamen. DerKönig, der keinen Widerspruch duldete und seines Obcrbanraths Aergcr gar wohl be-merkte, schnitt diesem, als er seine Motive vertreten wollte, gleich das Wore ab: „LieberGärtner, Sie haben den Katarrh, da ist das viele Reden beschwerlich." Was derKönig angab, mußte nach seinen Intentionen ausgeführt werden, selbst, als ProfessorWiedemann die Neitcrstatuc, welche auf dem OdconSplatze steht, modcllirte, nahm erdessen Geduld durch Aenderungen nicht wenig in Anspruch König Ludwig war einschlechter Reiter, daher der Volkswitz sagte: die beiden Pagen vorn am Pferde seien ge-macht worden, damit der König sicher sei vor dem Fallen.
Eine dankbare Schülerin schrieb in das Stammbuch ihrers Lehrers, der Schadehieß: „durch Schade'» wird man klug!"
Druck, Derloa und Redaktion des literarischen Instituts von Dr. M. Huuler.