Ausgabe 
28 (12.4.1868) 15
 
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Schultern herab, aber gebleicht und stark von den Jahren gelichtet. Dem hicnach mut-maßlichen hohen Alter des Mannes widersprach aber wieder die rasche Behendigkeit, mitwelcher er nach kurzer vergeblicher Umschau, trotz der beträchtlichen Last auf seinenSchultern den steilen Felsweg hcrniedcrsticg, der eher einem durch Bcrgwasser undGewittergüsse eingerissencn und ausgespülten Rinnsale glich als einem wirklichen gebahn-ten Pfade. Mit hoch gehaltenem Nacken und straffen Kniekehlen kam er von Absatz zuAbsatz herunter und schien es weder zu fühlen noch zu beachten, wenn sein Fuß auf demlockern Gerölle ausglitt oder das scharfe Gestein die groben Schuhe schürfte, welche ausstarkem Leder kunstlos geschnitten und mit groben Riemen um Sohlen, Fcrscu undKnöchel festgebunden waren. Es war nicht, als ob er von seinem Tagwerke heinikchrc,sondern als hätte er, dasselbe rüstig zu beginnen, eben den ersten Fuß über dieSchwelle gesetzt.

Die Schnelligkeit deS Steigens hinderte aber nicht, daß er manchmal einen Blick indie Thalenge und auf den Secspiegcl hinunter schickte, ob nicht auf demselben, da sonstalles ruhig blieb, ein Fahrzeug sichtbar werden wollte. Die Wasserfläche war weit hinauszu übersehen, denn damals hatte noch kein Felsdamm den jetzigen Oberste von demHauptgcwässtr getrennt und das Auge glitt ungehindert auf der Flut dahin bis an dasanmuthige grünberaste Fleckchen Ebene, welches am Fuße des Watzmann sich wie einfreundliches Eiland ausbreitet, während ihm gegenüber die Seewand sich als Bollwerkvordrängt, als wolle sie dem Ankommenden wehren, in das untere langgestreckte See-becken zu gelangen, das dahinter in seiner ganzen.furchtbaren Herrlichkeit sich auflhut.

Einigemale hielt der Waidmann in seiner Näherung an, denn ohne durch seinenRuf veranlaßt zu sein, zog manchmal ein eigenthümliches Getöse durch die Luft, das sichbald wie das dumpfe Rollen sich reibender Massen anhörte, bald wie das tropfenartigeGericsel abbröckelnden Gesteins. Der Jäger blickte staunend über sich im Luflkrcise herum ^dann sah er zum Boden nieder und prüfte, ob allenfalls sein Tritt das Geröll gelockerthabe und in die Tiefe poltern machte. Dann richtete sich sein Auge wieder nach obenund blieb an dem gegenüberliegenden Berge hangen, dessen riesige Spitze so hoch überalle andern Zacken und Höhen'um ihn her emporragte, daß selbst das Fclscnhaupt desfurchtbaren Watzmann davor wie gebeugt und niedrig erschien. Die Spitze war wunder-lich gestaltet und lief zuletzt aus allerlei Zacken in ein ungeheures Horn zusammen,dessen Schneide, nach vorne übcrgebeugt, weit in die Luft hinein ragte und so, getragenvon der einwärts gekrümmten, fast höhlenartigen Wand, einen grauenhaften Ueber-hang bildete.

Der Kaunstcin," sagte der Jäger vor sich hin,hat wieder einmal seinen bösenTag! Die Kobolde und Schwarz-Elfen mögen wieder ihr Wesen treiben!" Dabei hobrr die rechte Hand in die Höhe, daß sie geschlossen erschien und nur der Zeigefinger undder kleine Finger ausgestreckt waren. So hielt er die Hand gegen die unheimliche Berg-wand hin und murmelte:Zurück von mir ... ich weise den Zauber ab allesNeidingswerk falle auf Euch selber zurück!"

Gelassen und wie beruhigt setzte er dann seinen Weg fort.

Sein Herannahen wie sein Rufen waren indessen nicht so unbeachtet geblieben, alses den Anschein hatte.

In der Ebene, wo der Landthalerbach sich in den See ergießt, war das Gestadenicht felsig und fest, wie jetzt, sondern zog sich in langen Streifen von Schilf undGeröhricht bis gegen den ansteigenden Rasen und den Tanncnforst der Fischunkel hin.Das Wasser stand seicht und in sehr langsam zunehmender Tiefe über dem weichenschlammigen Grunde, aus welchem dichte Rohrstcngel mit ihren schwarzbraunen Rohrkolbensich erhoben und im Winde schaukelnd die starren Blätter an einander rauschen ließen.Dazwischen stieg die schmucke Scefeder empor und schwenkte träumerisch den grauen Bart.In dem Geröhricht lag ein großer Nachen, der in seiner roh bchaucnen Gestalt noch voll-