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kommen erkennen ließ, daß er vor nicht langer Zeit nichts Anderes gewesen, als einriesiger Eichbaum, dessen Stamm nur etwas zugerundet, unten abgeplattet und obenausgehöhlt worden war, um als unscheinbares aber tüchtiges Fahrzeug zu dienen.
An dem Nachen war ein junger Mann in voller Thätigkeit und bemühte sich, den-selben vom Gestade, auf das er theilweise herausgezogen war, loszumachen und in'sWasser zu bringen. Er war in einfaches grob Harnes Wamms gekleidet, an dessenGürtel ein starkes Messer steckte, dem ein GemShorn zum Griffe diente. Die Beinkleider,wie das Gewand, von Haften und Fibeln zusammen gehalten, reichten nur wenig überdie Kniee herab; die Füße waren bloß aus festgebundenen Sandalen bedeckt, auf demScheitel saß ein breitrandiger Hut aus Wcidengeflccht, auf den kräftigen sonnenbraunenNacken siel daraus das reiche dunkle Haar in kunstlosen Locken herab. Bogen, Köcherund Wurfspieß, welche im Kahne lagen, ließen erkennen, daß der Jüngling ebenfalls aus'sWaidwerk ausgezogen war und die Aehnlichkcit der Gcsichtszüge wie der ganzen Haltungverrieth, daß er m dem alten Jäger gehörte und daß er es war, dem dessen suchenderZuruf gegolten. Trotz allen Eifers und aller Mühe, womit der Jüngling die kräftigenArme an das Fahrzeug stemmte, wollte dasselbe nicht von der Stelle weichen: es schienwie verwachsen mit dem lehmigen Boden, und erst als er in den nahen Wald gesprun-gen, und dort ein dürres Tannenstämmchen abgebrochen hatte, um es als Hcbelstangeunter den Nachen zu setzen, gelang eS ihm mit angestemmtem Rücken ihn in die Flut zuschieben, daß die Wellen aufschwankten und das Geröhricht rauschte. Darüber war vieleZeit verloren gegangen und ein flüchtiger Seitenblick zeigte ihm, daß es unmöglich war,noch vor der Ankunft des Alten den hohen See zu erreichen, denn das Stcinbock-Gehörne ward schon in nächster Nähe über dem letzten Felscnvorsprung des Bergpfadessichtbar. Mit einer Bewegung, in welcher die Hast des Unmuths nicht zu verkennen war,ergriff er Bogen und Köcher, die schon im Nachen gelegen, und warf sie in das Ufer-graS zurück; dann setzte er sich auf den Rand des Schiffs und zog ein aus grobenBastfüden geflochtenes Fischernetz daraus hervor, dessen hie und da losgegangene Endener so sorgfältig zusammenknüpfte, als habe er seit geraumer Zeit nichts Anderes gethan,und sei fo vertieft darin, daß er den Alten nicht gewahr geworden, auch als derselbeschon beinahe hinter ihm gestanden.
„Bist Du auf eine Taubwurzel getreten," rief ihn dieser jetzt rauhen Tones an,„oder ist meine Stimme so matt geworden, daß man sie nicht mehr vernimmt? Waslässest Du mich rufen, Markulf, und antwortest nicht?"
Der Jüngling hatte sich zu ihm gewendet als sei er von seiner Ankunft überrascht,aber er kam mit der Verstellung so schlecht zu Stande, daß sie auch einem minderscharfen Blicke durchdringbar gewesen wäre, als den der alte Jäger unter den grauenAugenbraucnbnscheln hervor auf ihn richtete. Er kehrte sich ab, um auszuweichen undbreitete das Netz auf dem Schiffboden zurecht. „Ich habe mancherlei Laut gehört, Vater,"sagte er, „aber ich habe Deinen Ruf d'runter nicht erkannt ... es regt sich allerlei,wenn man in der Einsamkeit sitzt zwischen Berg und See und im Kaunstein hat es auchwieder gerollt und gedröhnt, als wenn im Winter das Eis und die Kälte einen Eichstammsprengen, daß er krachend auseinander berstet!"
„Was schwatzest Du mir für Mährlein vor?" rief der Alte, indem er den Stein-bock von den Schultern schwang und in den Nachen warf, daß derselbe tiefer tauchendschwankte, und ringsum das Wasser emporspritzte. „Siehst Du nicht, wie hoch derSchatten schon am Watzmann hinauf kriecht? Es geht gegen Abend und Du mußtestwissen, daß ich nun bald heimkehren würde . . . Was hattest Du's dann so eilig, denKahn in den See zu bringen und fortzurudern, eh' ich eingetroffen? Meintest wohl,ich würde zum erstenmal im Lebcu von der Jagd mit leeren Händen heimkommen odermeine Schultern seien stark genug, einen Steinbock noch über ein paar Jöcher mehr zutragen? — Steig' iu den Nachen," fuhr er fort, als Markulf nichts cutgegncte, „und