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rudere nach Hause. Sorge, daß das Thier noch ausgeweidet wird, und spanne dasWildfcll über die Querhölzer, es ist dicht und soll eine gute Decke abgeben, denk' ich...Zuvor aber halte im untern See an, wirf das Netz aus und siehe, daß Du eine Anzahlschöner Salmlinge sängst. Wo der Bach durch die Kesselschlucht herunter kommt, habendie größten und schönsten ihren Stand, sie geh'n dem frischen Quellwasser zu und dieLeber des Stcinbocks ist ein Köder, der ihnen weidlich gefällt ..."
„Wozu, Vater?" sagte Markulf. „Der Fischkasten daheim ist gefüllt auf langeZeit — ich habe erst vor wenigen Tagen nachgesch'n ..."
„Falle mir nicht in's Wort, Knabe," unterbrach ihn der Alte streng, „die Fischesind zum Gastgeschenk bestimmt für einen gar edlen und vornehmen Mann, dem ich dasBeste vermeine; darum thue ohne Widerrede, was ich Dir sage — ich will den Berg-weg einschlagen, über den Watzmann hin und einem Bären nachstreben, den ich vor einpaar Tagen aufgespürt habe —
„Der Weg übcr's Joch ist mühselig und weit," entgegnete der Sohn, „Du wirstmüde sein, Vater. . . Das Fischen ist leichtere Arbeit, nimm Du sie Vater, und laß'den Bären mir ..."
„Den Bären?" antwortete lachend der Alte. „Als ob ich nicht wüßte, um wasrs Dir bei diesem Tausche zu thun wäre! Die Seefahrt ist es, die Dir nicht behagt...trotz seiner Weite und Mühseligkeit zögest Du den Landweg vor, weil er über die grüneWeide führt — dort drüben am Fuße d^s Watzmann , wo die Almend-Hütte steht unddie schwarze Walchendirne als Sennin haust! Die ist es, die Dich auf den Landweglockt, aber eben darum sollst Du nicht hin, sondern sollst daran vorüber fahren und aufmeine Salmen denken!"
„Es soll geschehen, wie Du es willst, Vater . . sagte der Sohn, um Vielesgefaßter. „Wär' es aber auch, wie Du sagst, ich fände kein Unrecht darin ... dieMaid ist wacker und wohl berufen ..."
„Aber eine Fremde." eiferte der Alte, „eine Tochter der weibischen Nomslinge, dieim Lande zurückgeblieben sind und sich drüben in der Roms-Au eingenistet haben! Deralte Chricmbert ist ein freier Barschalk, der als eigener Herr auf seinem Gehöft in derSchönau haust und Niemand über sich hat als den Herzog! Ich will nichts wissenvon diesem Walchenvolk! Mein Sohn soll nicht verkehren mit den balbfrcicn Leuten,die nur aus Gunst und Gnade auf ihren verliehenen Hufen sitzen ..."
Ueber Markulf's Angesicht flog dunkle Nöthe, aber er war in den Kahn gestiegenund beugte sich, sie zu verbergen, auf die weidcngeflochtcncn Ringe nieder, in welche dieNudcr eingesteckt waren . . . Plötzlich aber sprang er auf, griff nach seinem Geschoß,und hatte im Augenblick den Bogen gespannt und den Pfeil aufgelegt — in geringerEntfernung war es aus dem Gcröhricht emporgerauscht, und ein Paar wilde Schwänezogen mit wciß-schimmerndem Gefieder über den See gegen die grüne Weide hin: alleinso schnell Markulf sich zum Zielen und Losschnellen der Sehne erhoben, ebenso rasch warder Alte hinzuspringend ihm in den Arm gefallen und hatte ihn znrückgcrisscn, daß derabgeschossene Pfeil in ganz anderer Richtung in die Höhe stieg und dann gerade abfallendim Wasser des Sees versank. „Hat Dich der Tollwnrm gestochen?" rief der Alte un-willig, „daß Du nach einem Schwane zielst? Weißt Du nicht, daß er ein heiligesThier ist? Daß es die Walkhren sind und die Wind- und Wasser-Frauen, die in dieserGestalt an den See kommen, um sich zu baden?"
„Ich weiß wohl, Vater," sagte Markulf, „aber Du vergißest, daß die alten Götternicht mehr sind. Es gibt keine Walkhren mehr Und keine Schwanen-Jungfrauen . . .der Christcnbischof draußen in der alten Nömcrstadt hat sie alle zu Teufeln gemacht undhat sie gebannt, daß sie uns nichts mehr zu Leide thun können!"
„Waö kümmert mich der Bischof und sein Bann?" erwiderte Marknlf. „Er istnicht bei mir, wenn ich einsam mich herumschlage mit dem Gcbirg und den Geistern,