Ausgabe 
28 (7.6.1868) 23
 
Einzelbild herunterladen

178

Ich frage nicht mehr," sagte Markulf hastig,ich baue auf Dein Wort, Herrin...aber ich weiß selbst nicht, wie es geschieht ... je näher der Augenblick heran kommt,desto dringender ruft es in mir und will mich warnen, als ob Du Arges im Sinnetrügest!"

Schwachmüthiger Thor," entgegnete sie, indem sie näher zu ihm trat und sich soeng zu ihm niederbeugte, daß ihr glühender Athem ihm die Wange streifte.Du weißt,was in Deinem eigenen Herzen vorgeht und vermagst nicht, ein anderes zu errathen?So wisse denn was Du für jene Dirne empfindest, fühle ich für diesen Jüngling,der mich verschmäht! Ich kann nicht leben, kann nicht sterben ohne ihn: darum bin ichihm von Pavia bis hiehcr gefolgt darum habe ich ihn durch Dich hierher gelockt, indiese Einöde, wo nichts sich mehr eindrängen kann zwischen ihn und mich ... wo ermeiner Gewalt nicht mehr widerstehen kaun: wo er mir gehören muß mir für immer!Glaubst Du, wenn ich nicht am gleichen Siechthum krankte, ich wäre so leicht bereit ge-wesen, Deinen Schmerz zu heilen? . . . Geh' denn und vollende; die günstige Stundewiukt für mich und Dich!"

Ohne Erwiderung eilte Markulf hinweg und verschwand hinter dem Geklüft, ausdem er aufgetaucht war: Amalaswinth sah ihm mit siegblitzendcn Augen nach.VerbirgDich, mein Genosse," rief sie Alboin zu,halte Dich bereit, zu vollbringen, was Duunausgesprochen weißt Dein Lohn soll eines Königs würdig sein!"

Sie stieg in die Höhle hinab, der Alte war kaum unter die Felsen geschlüpft, alsMarkulf wieder sichtbar wurde und die Hand zurückreichend, dem Prinzen auf die Höhehalf, der, das Angesicht rothglühend von der Hitze und der Mühe des Stcigens, sichauf den letzten Zacken schwang. Dort stehend, lüftete er den Hut von dem wallendenlichtbrauncn Gclick und ließ den frischen Bergwind um die triefende Stirne spielen.

Thut das nicht, Herr," rief Markulf abwehrend,drückt lieber den Hut noch tieferin die Stirn die Luft weht hier wie Eiseshauch, Ihr könnt den Tod davon haben!Kommt hier hinter die Felsen, sie halten den Luftzug ab verkühlt Euch, eh' ich Euchin die versprochene Wundcrhöhle geleite, wo ich Euch ein Iägcrmahl von Genossenbereiten ließ."

Es wird mir hoch willkommen sein," sagte Dietwalt lachend,so jung ich bin,hab' ich doch schon Manches ertragen im Waffeuspiel zn Schimpf und Ernst und imedlen Waidwerk allein der Jägerei, wie sie in diesen Gebirgen heimisch ist, bin ichungewohnt und muß bekennen, daß mich nach Erquickung verlangt und nach einigerRuhe. . . Welch' ein Anblick!" fuhr er fort und schaute, sich umwendend in die unge-heure Fernsicht hinaus, die sich eben jetzt in vollster Klarheit ausbreitete: die steigendeSonne hatte die letzten Ncbelgewölke vernichtet und das riesige Gemälde, noch vom Glänzedes Mittags nicht verhüllt, lag strahlend da in der hellen duftigen Morgenfrischc.Das Auge unterschied weithin in verschwimmcnder Ferne das grünende Gelände, vondunklen Waldstreifen durchschallet, mit glänzenden Wasscrbreiten und schimmernden Strom-bändern wie mit kräftigen Lichtern besetzt. Zur Seite waren die Thore der Bcrgweltweit aufgcthan, Fels'stieg an Fels, Berg an Berg, Eiskoloß an Eiskoloß unabsehbarempor, als wären es gewaltige Stufen, die nacheinander empor führen wollten zu einemThrone dessen Baldachin der Himmel selber war.

Wie schaurig," rief der Prinz,und doch wie schön! Das ist ein Anblick, mitdem man erst vertraut werden muß! Ich werde diese Berge öfter besteigen und meinenVater bitten, daß er mir erlaubt, länger in ihnen zu weilen! . . . Was ist das?"unterbrach er sich selbst und zeigte nach rückwärts gewendet, auf einen sich breit hinziehenden dunkelgraucn Streifen, der sich auf dem hcrübcrragcudeu Taucrn in wildemununterscheidbarem Gewirrr dahin streckte.

Das ist das steinerne Meer," erwiderte Markulf,eine schier unwegsame Felsen-