Ausgabe 
28 (21.6.1868) 25
 
Einzelbild herunterladen

Nr. S L.

21. Juni 1868,

Arrgsburger

Gleich ist Alles versöhnt;

Wer redlich ficht, wird gekrönt. Göthe .

Sanct Jartheünä.

Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit.

(Fortsetzung.)

(Diese Erzählung ist Eigenthum des Litcrarischen Instituts von vr. M. Huttler und derWiederabdruck nur nach vorausgegangenen! Einvernehmen mit demselben gestattet.)

V.

Sanct Barthelma.

Das Grauen des Todes und der Schatten des Grabes lagerten auf der einsamenFelsenhöhle des Kaunstein.

Prinz Dietwalt lehnte am Gestein der Wand regungslos, als wäre er ein Theilderselben: wie ein Todter ausgestreckt, stumm und starr, lag Markulf auf den Felsendes Bodens. In der ersten Zeit, als er die Unmöglichkeit des Entrinncns erkannt, warder junge kräftige Bauer in einen Sturm von Verzweiflung und Jammer ausgebrochcn,der die volle Leidenschaftlichkeit seines Gemüthes verrieth: es war, als hatte gewaltsamaufgestautes Wildwasser endlich alle Dämme und Schleusen zerrissen und ergieße sich nun

in schrankenloser Wuth, Alles vor sich niederwerfend und mit sich fortreißend. Er zer-

raufte sich das Haar im Grimm, daß es einem solchen Weibe mit so leicht durchschau-baren Ränken gelungen, das Geheimniß seines Lebens zu errathen und ihn mit so groberList zu ihrem Zwecke zu mißbrauchen: er rang sich die Hände wund vor Verzweiflung,wenn das Bild des Vaters vor ihm erschien, dessen graues Haar er mit Schande über-häuft, dem er einen Verbrecher und Mordgcscllcii zum Sohne gegeben... seine Augenströmten über von Thränen der Wchmuth und des bittersten Schmerzes, wenn er, demfrühen furchtbaren Tode gegenüber, des eigenen jungen Lebens, seiner freventlich dahingeworfenen Kraft gedachte wenn die Erinnerung jener Liebe vor ihm aufstieg, die z«erringen er sich in diesen Abgrund gestürzt, und der er dennoch auch jetzt nicht zu ent-sagen vermochte unberührt von allem Groll stand Placida's reine Gestalt vor ihm

und das verklärende Licht der Entsagung, das sie umgab, diente nur, ihm die Finsternißnoch greller zu zeigen, die über ihm zusammengeschlagen. Die Erschöpfung, das Ueber-maß des Leidens hatte ihn zuletzt gebrochen und niedergeworfen.

Aus seinen verwirrten Ausrufungen, aus den schmerzlich abgerissenen Selbstanklagenerfuhr der Prinz erst den völligen Zusammenhang und Verlauf der Ereignisse: er begriffjetzt, wie es ein wohl bedachter, lang ausgcsonncncr und mit kalter Ucberlegung ausge-führter Plan war, dem er zum Qpfcr gefallen. Darum erkannte er auch mit aller Be-stimmtheit, daß es einem so klug vorbereiteten Ueberfalle gegenüber nutzlos war, aufeinen zur Rettung offen gebliebenen Ausweg zu hoffen: daß es männlicher und gerathenerwar, rasch und bald jeden Gedanken des Entrinncns von sich zu werfen. Fühlte er auchseine Adern bei dieser Gewißheit von eisigen Schauern durchrieselt und sein Herz einge-klemmt wie unter einer zermalmenden Dergeslast, war er doch gelassener und gefaßter.