Ausgabe 
28 (12.7.1868) 28
 
Einzelbild herunterladen

218

Heben und Dein Vater, die Beide vom Himmel Herabschauen, wie rühmlich Du Dich auf--raffcst, um ein Hort Deiner Familie zu werden, und fleckenlos die Ehre Deines Hauseszu bewahren.

Es war ein Bildniß der heiligen Jungfrau im Haus, zu dessen Schmuck Catalinabie schönsten Blumen der Flur zu verwenden Pflegte, und vor welchem beständig dasreinste Wachs ihres Bienenstandes brannte.

Vor diesem verehrten Bildniß warf sich jetzt Catalina auf ihre Kniee, und rief inLer unendlichen Glaubensfülle, die sie im Herzen barg, andachtsvoll aus:

Heiligste Mutter Gottes! Schenke mir noch zehn Lebensjahre, auf daß ich, ehemeine Augen sich zum letztenmal schließen, alle meine Kinder erzogen sehe. Und nachdieser Gnadenfrist, falls Du mir sie gewährst, gelobe ich mit meinen Kindern zu Deinemwundertätigen Heiligthum in Begona zu wallfahrten, und das Opfer unserer dankbarenHerzen zu Deinen Füßen zu legen.

Die älteren ihrer Kinder, welche das Gelübde ihrer Mutter verstanden, knieten mitihr vor dem heiligen Bildniß nieder, und vereinigten ihre Angelobungen mit denenCatalina's.

Es war Sonntag, als Jgnatio zur Erde bestattet wurde. Kaum ließ sich des fol-genden Tags das erste Läuten zur Messe hören, als sich die-Dorfbewohner bei derKirche sammelten.

Die Frauen, hier wie überall frommer als die Männer, traten, so wie sie kamen,in die Kirche, um den Rosenkranz nicht zu versäumen, der vor der Messe gebetet wurde.Die Männer dagegen standen beisammen unter den Eschen, welche den Kirchhof beschatteten,um hier auf das letzte Zeichen der Glocken zu warten. Sie schmauchten ihre Pfeifen, undbesprachen die Angelegenheiten des Dorfs mit der Wichtigkeit, welche wir gleich sehenwerden.

Da kommt der Herr Bürgermeister," hieß esEs soll mich Wunder nehmen,wenn er nicht gleich eine Frcvelbuße ankündigt. Denn er kommt von den eingezäuntenLandbezirken her, und dürfte gar leicht irgend einen Hag offen gefunden haben."

In der That kam der Bürgermeister auf seinem Weg zur Kirche durch einen einge-zäunten Bezirk von Aeckcrn und Wiesen, dessen schützender Hag nur durchkreuzt warmittelst zweier Bretter, die auf im Boden befestigten Stangen ruhten, so daß sie voninnen und von außen eine Art Stiege zur Ucberschreitung des Hags bildeten.

Der Bürgermeister war ein bejahrter Mann, der die ländliche Tracht und die hartenschwieligen Hände mit allen Dorfbewohnern gemein hatte. Aber sein in der Regel freund-lich lächelndes Gesicht sah diesmal ungemein ernst und finster aus.

Schlimm genug! sagte ein gewisser Dominik. Der Bürgermeister hat alle Freund-lichkeit innerhalb des Hags liegen gelassen.

Guten Morgen, Herr Bürgermeister, grüßten nun alle Anwesenden, indem sie dieHand an die Mützen legten.

Gott schenke Euch einen guten Morgen, erwiderte der Gegrüßte, ohne aus seinerernsten Würde zu fallen. Dann aber wendete er sich zu Dominik, und, sagte weiter:

Augenblicklich zahlst Du dem Gcrichtsdiener einen Gulden Strafe dafür, daß DuDeinen Hag im Wüstcrungsbezirk offen gelassen hast.

Verzeihen Sie mir diesmal, Herr Bürgermeister! bat der niedergeschmetterte Dominik.

Nicht die Rede vom Verzeihen, unterbrach der Ortsvorstehcr strenge den geängstigtcnDominik, indem er seinen Stock gegen die Erde stieß. Nur so lernst Du auf DeinenHag Obacht geben; und ich will nichr dulden, daß Deine Nachbarn unter Deiner Gleich-giltigkcit leid«r sollen. Wer sein Grundstück abgesondert für sich besitzt, der mag es nachBelieben offen stehen lassen, und kann es dann sich selbst zuschreiben, wenn ihm das Viehseinen Mais abfrißt. Wer aber mit seinem Eigenthum zu einem der eingezäunten Land-Lezirke gehört, der soll nur seinen Theil am Hag fest und hübsch geschlossen halten, oder